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EZB-Sitzung: Versicherung gegen Abwärtsrisiken
05.06.20 09:15
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Der Anstieg der Bund-Renditen hat sich in den vergangenen Tagen fortgesetzt, getrieben von einer fragwürdigen Euphorie an den Aktienmärkten, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Was genau die Investoren dazu veranlasse, mit so viel Optimismus in die Zukunft zu schauen, sei nicht vollkommen klar. Auf der Aktivseite stehe, dass sich die Infektionskurven in den meisten Ländern verflachen würden, die Rettungs- und Konjunkturprogramme vieler Staaten ein nie dagewesenes Volumen erreichen würden und die Notenbanken die Märkte mit Liquidität fluten würden und überaus günstige Finanzierungsbedingungen gewähren würden.
Dem stünden aber auch erhebliche Risiken gegenüber, die offensichtlich die meisten Investoren ignorieren würden. Ganz vorneweg stehe die Gefahr einer zweiten Corona-Infektionswelle. Der Anstieg der Infektionen in Göttingen, der zur erneuten Schließung aller Schulen geführt habe, zeige, dass diese Gefahr real sei. Des Weiteren sei festzustellen, dass in wichtigen Schwellenländern wie Indien, Brasilien, Russland und Mexiko das Infektionsgeschehen keineswegs unter Kontrolle sei.
Weiter müsse trotz der öffentlichen Hilfen mit einer Insolvenzwelle und einem fortgesetzten Anstieg der Arbeitslosenrate gerechnet werden. In Deutschland sei diese in der saisonbereinigten Betrachtung von 5,8% auf 6,3% gestiegen, in Italien hätten sich über eine Million Menschen entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen (weswegen die offizielle Arbeitslosenrate gesunken sei) und in Frankeich und Spanien dürften die offiziellen Arbeitslosenzahlen angesichts des sprunghaften Anstiegs der Kurzarbeit dramatisch steigen. Unser Bewertungstool für die Aktienmärkte stellt entsprechendfest, dass sowohl der europäische als auch der amerikanische - dieser ganz besonders - stark überbewertet sind, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Hier sei nochmals mit einem Einbruch zu rechnen, was sich dann auch bei den Renditen negativ bemerkbar machen werde.
Am 04.06. habe die Europäische Zentralbank (EZB) getagt und gemessen an den allgemeinen Erwartungen das PEPP-Anleiheankaufprogramm überraschend stark ausgeweitet. Einige Analysten hätten sogar gemutmaßt, dass der Schritt jetzt noch gar nicht unternommen würde. Das Protokoll der letzten Notenbanksitzung habe allerdings erkennen lassen, dass man über eine Erhöhung intensiv nachdenke. Nunmehr liege das Gesamtvolumen des PEPP-Programms 600 Mrd. Euro höher bei 1350 Mrd. Euro und werde bis mindestens Mitte 2021 gehen bzw. "bis die Phase der Coronavirus-Krise seiner (der EZB) Einschätzung nach überstanden ist."
Darüber hinaus habe sich die EZB festgelegt, dass sie die auslaufenden Anleihen aus dem PEPP-Programm zumindest bis Ende 2022 wieder anlegen werde. Ein Tapering müsse also bis auf weiteres nicht befürchtet werden. Die Notenbankpräsidentin Christine Lagarde habe zwar festgestellt, dass es Anzeichen einer konjunkturellen Bodenbildung gäbe. Gleichzeitig seien jedoch die neuen Prognosen der EZB deutlich nach unten angepasst worden. Man erwarte im Basisszenario für dieses Jahr eine Schrumpfung des BIP um 8,7% und einen Zuwachs in 2021 um 5,2%. Im Stressszenario halte man auch einen Rückgang um -12,6% im laufenden Jahre für möglich. 2021 würde es dann nur mit 3,3% aufwärts gehen.
Bei der Inflation seien die Unterschiede zwischen den einzelnen Szenarien nicht ganz so gravierend. Allerdings liege man in allen Fällen durchgehend bis 2022 relativ weit unterhalb des angestrebten Inflationsniveaus von 2%. Lagarde habe klar betont, dass für das Basisszenario die Abwärtsrisiken überwiegen würden. Vor diesem Hintergrund sei die deutliche Ausweitung des PEPP-Programms auch als eine Art Versicherung für den Fall einer erneuten Verschlechterung der Lage zu verstehen.
In der kommenden Woche sei die US-Notenbank an der Reihe. Sie scheine bereits alle Trümpfe gezogen zu haben. Allerdings habe sich die FED nicht durch bestimmte Volumenziele die Ausweitung der Bilanzsumme beschränkt. Innerhalb von drei Monaten habe die FED die Bilanzsumme um 70% auf 7,15 Billionen US-Dollar ausgeweitet, so aggressiv wie keine andere Notenbank. Die EZB nehme sich mit einem Bilanzanstieg von 19% (etwa gleicher Zeitraum) geradezu vorsichtig aus. Es sei davon auszugehen, dass die FED diesen Kurs zunächst fortsetzen werde, sodass die Kapitalmärkte durch die höhere Staatsverschuldung nicht belastet würden und die langfristigen Renditen niedrig bleiben würden.
Darüber hinaus sei auf die heutigen (05.06.) US-Arbeitsmarktdaten zu achten. Erwartet werde laut Bloomberg-Konsens eine Arbeitslosenrate von 19,5%. Klar sei auf jeden Fall, dass die Zahl der neu angemeldeten Arbeitslosen (jobless claims) bei 21,5 Millionen liege. Von der Konjunkturseite müsse man sich in Deutschland auf einen erneuten massiven Rückgang der Industrieproduktion für den Monat April gefasst machen. Weiter sei auf die Fortsetzung der vierten Runde der Brexit-Verhandlungen zu achten. (Ausgabe vom 04.06.2020) (05.06.2020/alc/a/a)
Was genau die Investoren dazu veranlasse, mit so viel Optimismus in die Zukunft zu schauen, sei nicht vollkommen klar. Auf der Aktivseite stehe, dass sich die Infektionskurven in den meisten Ländern verflachen würden, die Rettungs- und Konjunkturprogramme vieler Staaten ein nie dagewesenes Volumen erreichen würden und die Notenbanken die Märkte mit Liquidität fluten würden und überaus günstige Finanzierungsbedingungen gewähren würden.
Dem stünden aber auch erhebliche Risiken gegenüber, die offensichtlich die meisten Investoren ignorieren würden. Ganz vorneweg stehe die Gefahr einer zweiten Corona-Infektionswelle. Der Anstieg der Infektionen in Göttingen, der zur erneuten Schließung aller Schulen geführt habe, zeige, dass diese Gefahr real sei. Des Weiteren sei festzustellen, dass in wichtigen Schwellenländern wie Indien, Brasilien, Russland und Mexiko das Infektionsgeschehen keineswegs unter Kontrolle sei.
Weiter müsse trotz der öffentlichen Hilfen mit einer Insolvenzwelle und einem fortgesetzten Anstieg der Arbeitslosenrate gerechnet werden. In Deutschland sei diese in der saisonbereinigten Betrachtung von 5,8% auf 6,3% gestiegen, in Italien hätten sich über eine Million Menschen entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen (weswegen die offizielle Arbeitslosenrate gesunken sei) und in Frankeich und Spanien dürften die offiziellen Arbeitslosenzahlen angesichts des sprunghaften Anstiegs der Kurzarbeit dramatisch steigen. Unser Bewertungstool für die Aktienmärkte stellt entsprechendfest, dass sowohl der europäische als auch der amerikanische - dieser ganz besonders - stark überbewertet sind, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Hier sei nochmals mit einem Einbruch zu rechnen, was sich dann auch bei den Renditen negativ bemerkbar machen werde.
Darüber hinaus habe sich die EZB festgelegt, dass sie die auslaufenden Anleihen aus dem PEPP-Programm zumindest bis Ende 2022 wieder anlegen werde. Ein Tapering müsse also bis auf weiteres nicht befürchtet werden. Die Notenbankpräsidentin Christine Lagarde habe zwar festgestellt, dass es Anzeichen einer konjunkturellen Bodenbildung gäbe. Gleichzeitig seien jedoch die neuen Prognosen der EZB deutlich nach unten angepasst worden. Man erwarte im Basisszenario für dieses Jahr eine Schrumpfung des BIP um 8,7% und einen Zuwachs in 2021 um 5,2%. Im Stressszenario halte man auch einen Rückgang um -12,6% im laufenden Jahre für möglich. 2021 würde es dann nur mit 3,3% aufwärts gehen.
Bei der Inflation seien die Unterschiede zwischen den einzelnen Szenarien nicht ganz so gravierend. Allerdings liege man in allen Fällen durchgehend bis 2022 relativ weit unterhalb des angestrebten Inflationsniveaus von 2%. Lagarde habe klar betont, dass für das Basisszenario die Abwärtsrisiken überwiegen würden. Vor diesem Hintergrund sei die deutliche Ausweitung des PEPP-Programms auch als eine Art Versicherung für den Fall einer erneuten Verschlechterung der Lage zu verstehen.
In der kommenden Woche sei die US-Notenbank an der Reihe. Sie scheine bereits alle Trümpfe gezogen zu haben. Allerdings habe sich die FED nicht durch bestimmte Volumenziele die Ausweitung der Bilanzsumme beschränkt. Innerhalb von drei Monaten habe die FED die Bilanzsumme um 70% auf 7,15 Billionen US-Dollar ausgeweitet, so aggressiv wie keine andere Notenbank. Die EZB nehme sich mit einem Bilanzanstieg von 19% (etwa gleicher Zeitraum) geradezu vorsichtig aus. Es sei davon auszugehen, dass die FED diesen Kurs zunächst fortsetzen werde, sodass die Kapitalmärkte durch die höhere Staatsverschuldung nicht belastet würden und die langfristigen Renditen niedrig bleiben würden.
Darüber hinaus sei auf die heutigen (05.06.) US-Arbeitsmarktdaten zu achten. Erwartet werde laut Bloomberg-Konsens eine Arbeitslosenrate von 19,5%. Klar sei auf jeden Fall, dass die Zahl der neu angemeldeten Arbeitslosen (jobless claims) bei 21,5 Millionen liege. Von der Konjunkturseite müsse man sich in Deutschland auf einen erneuten massiven Rückgang der Industrieproduktion für den Monat April gefasst machen. Weiter sei auf die Fortsetzung der vierten Runde der Brexit-Verhandlungen zu achten. (Ausgabe vom 04.06.2020) (05.06.2020/alc/a/a)


