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EZB: Riesige Barriere steht der Wirksamkeit von Lagarde als EZB-Präsidentin im Weg
04.07.19 11:00
Aberdeen Standard Investment
London (www.anleihencheck.de) - Der EZB-Präsident musste stets die nationalen Regierungen beschwichtigen, um etwas zu erreichen, und Mario Draghi war darin immer gut. Christine Lagarde ist wahrscheinlich die einzige Kandidatin, die noch geschickter ist als Draghi, so Paul Diggle, Senior Economist bei Aberdeen Standard Investments, zur Nominierung von Christine Lagarde als EZB-Präsidentin.
Dass die Wahl auf Lagarde gefallen sei, sage viel über die Situation aus, in der sich Europa befinde: Man wolle jemanden mit perfekten staatsmännischen Fähigkeiten für eine geldpolitische Aufgabe ernennen. Das sei nicht unbedingt eine schlechte Sache. Lagarde sei keine formal ausgebildete Ökonomin, verfüge aber über eine enorme Erfahrung. In den eher technischen Aspekten des Jobs werde sie von Chefökonom Philip Lane unterstützt.
Investoren würden über ihre Nominierung jubeln, weil sie denken würden, dass so neue Impulse wahrscheinlicher würden. Und es könnte so kommen. Sie sei pro monetären Stimulus und insbesondere pro QE. Der IWF habe auch die von ihr überwachten negativen Zinsen weitgehend unterstützt, obwohl man sich des Risikos einer finanziellen Destabilisierung bewusst gewesen sei, das übermäßig negative Zinsen auch mit sich bringen würden.
Die Bewegungen an den Finanzmärkten seien eine allgemeine Reaktion darauf, dass sie als gemäßigt wahrgenommenen werde. Aber ihre Nominierung werde kurzfristig keinen großen Einfluss auf die Politik der EZB haben. Die Rallye der europäischen Anleihenmärkte sei bereits durch die Überzeugung ausgelöst worden, dass Mario Draghi eine Zinssenkung und QE vorbereite. Als gemäßigte Kandidatin habe Lagardes Nominierung nur das Feuer angeheizt.
Was die Rallye an den Märkten ignoriere, sei die Herkulesaufgabe, vor der Lagarde stehe. Zinssenkungen und mehr QE würden die Aktien- und Anleihemärkte vorerst stützen. Es werde den europäischen Banken eine Gnadenfrist einräumen und den Unternehmen helfen, die Kreditkosten niedrig zu halten.
Das längerfristige Bild sei jedoch eher beunruhigend. Die EZB habe nur sehr wenig Spielraum, die Zinsen sinnvoll zu senken, und es werde nur begrenzte Gewinne aus dem Neustart von QE geben. Was Europa wirklich brauche, sei, dass die Regierungen die fiskalischen Impulse, tiefgreifende Strukturreformen und die weitere europäische Integration fortsetzen würden. Jeder wisse das, und Mario Draghi selbst habe Jahre damit verbracht, die Botschaft endlos zu wiederholen, größtenteils ohne Erfolg.
Europäische Politiker würden die Botschaft von Mario Draghi gehört haben, seien aber von ihr weitgehend ungerührt geblieben. Die Ironie sei also, dass sie nun eine Kandidatin nominieren würden, die mit ihren spezifischen Kompetenzen versuchen werde, sie dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die sie offensichtlich nicht umsetzen wollten. Bonne chance, Madame Lagarde. (Ausgabe vom 03.07.2019) (04.07.2019/alc/a/a)
Dass die Wahl auf Lagarde gefallen sei, sage viel über die Situation aus, in der sich Europa befinde: Man wolle jemanden mit perfekten staatsmännischen Fähigkeiten für eine geldpolitische Aufgabe ernennen. Das sei nicht unbedingt eine schlechte Sache. Lagarde sei keine formal ausgebildete Ökonomin, verfüge aber über eine enorme Erfahrung. In den eher technischen Aspekten des Jobs werde sie von Chefökonom Philip Lane unterstützt.
Investoren würden über ihre Nominierung jubeln, weil sie denken würden, dass so neue Impulse wahrscheinlicher würden. Und es könnte so kommen. Sie sei pro monetären Stimulus und insbesondere pro QE. Der IWF habe auch die von ihr überwachten negativen Zinsen weitgehend unterstützt, obwohl man sich des Risikos einer finanziellen Destabilisierung bewusst gewesen sei, das übermäßig negative Zinsen auch mit sich bringen würden.
Was die Rallye an den Märkten ignoriere, sei die Herkulesaufgabe, vor der Lagarde stehe. Zinssenkungen und mehr QE würden die Aktien- und Anleihemärkte vorerst stützen. Es werde den europäischen Banken eine Gnadenfrist einräumen und den Unternehmen helfen, die Kreditkosten niedrig zu halten.
Das längerfristige Bild sei jedoch eher beunruhigend. Die EZB habe nur sehr wenig Spielraum, die Zinsen sinnvoll zu senken, und es werde nur begrenzte Gewinne aus dem Neustart von QE geben. Was Europa wirklich brauche, sei, dass die Regierungen die fiskalischen Impulse, tiefgreifende Strukturreformen und die weitere europäische Integration fortsetzen würden. Jeder wisse das, und Mario Draghi selbst habe Jahre damit verbracht, die Botschaft endlos zu wiederholen, größtenteils ohne Erfolg.
Europäische Politiker würden die Botschaft von Mario Draghi gehört haben, seien aber von ihr weitgehend ungerührt geblieben. Die Ironie sei also, dass sie nun eine Kandidatin nominieren würden, die mit ihren spezifischen Kompetenzen versuchen werde, sie dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die sie offensichtlich nicht umsetzen wollten. Bonne chance, Madame Lagarde. (Ausgabe vom 03.07.2019) (04.07.2019/alc/a/a)


