Erweiterte Funktionen

EZB-Ratssitzung liefert keine Überraschung


20.01.17 09:00
Aberdeen Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat nicht überrascht und die Zinsen unverändert gelassen, so Wolfgang Kuhn, Head of Pan European Fixed Income bei Aberdeen Asset Management.

Das sei nicht verwunderlich, nachdem erst die letzte Sitzung des EZB-Rates die Rückführung der Quantitative Easing-Aktivitäten eingeleitet habe, obwohl EZB-Präsident Draghi heftig bestritten habe, dass es sich dabei um ein so genanntes "Tapering" gehandelt habe. Lediglich die Einzelheiten für Anleihekäufe unterhalb des Einlagenzinssatzes seien festgezurrt worden.

Ebenfalls zu erwarten gewesen sei, dass das jüngste Anziehen der Inflationsraten als vorübergehend abgetan werden würde. Es gebe keine überzeugenden Zeichen für einen dauerhaften Anstieg der Kernrate, so Draghi. So werde sich das Inflationsziel (wohlgemerkt: nicht das Mandat, wie oft behauptet, denn jenes spreche von Preisstabilität), dem man sich laut Präsident Draghi angeblich so intensiv verpflichtet sehe, bald als das erweisen, was es in Wahrheit sei: Ein Feigenblatt, mit dem man die eigentlichen Gründe für die Weichwährungspolitik der EZB verhülle. Bei nunmehr steigenden Inflationsraten werde man um neue Argumentationslinien nicht verlegen sein. Schon arbeite Draghi an einer Ausweitung des Zielhorizonts, alles sei auf mittlere Frist zu sehen, man müsse Geduld haben, es sei viel zu früh und so weiter und so weiter. Seine Aufforderung, dem Stabilitäts- und Wachstumspakt Folge zu leisten, klinge vor diesem Hintergrund mehr als hohl.

Interessanterweise seien es bei der letzten Sitzung die Weichwährungsbefürworter gewesen, die das Tapering eingeleitet hätten: Bei der Rückführung des monatlichen Kaufvolumens von 80 Mrd. Euro auf 60 Mrd. Euro handle es sich um den Vorschlag des Direktoriumsmitglied Peter Praet, der den "Tauben" zugerechnet werde. Diese Initiative sei nach Erachten der Experten nicht auf gestiegene Inflationserwartungen zurückzuführen gewesen, wie man vermuten könnte, sondern vielmehr auf ein sich in Zentralbankzirkeln veränderndes Denken, das Quantitative Easing mittlerweile als weniger hilfreich anzusehen scheine als lange angenommen und gepredigt.

Die Zinswende und ein Ende der gerade für regional fokussierte Banken so bedrohlichen Negativzinspolitik dürften weiterhin in weiter Ferne liegen, und die vereinzelt bereits geforderte Zinserhöhung bleibe im Reich der Fantasie gefangen. Wenn darüber hinaus demnächst die Hoffnungen auf das Impulsfeuerwerk der neuen amerikanischen Präsidentschaft von der Realität eingeholt würden, könnte auch das vielbeschworene Ende der jahrzehntelangen Anleihenhausse wieder in die Ferne rücken. (Ausgabe vom 19.01.2017) (20.01.2017/alc/a/a)