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EZB: Gelingt der Spagat zwischen Geldpolitik und Klimafrage?


28.01.20 13:00
La Financière de l´Echiquier

Paris (www.anleihencheck.de) - Im Jahr 1980 sagte Karl Otto Pöhl, der damalige Präsident der Bundesbank: "Inflation ist wie Zahnpasta. Ist sie erst mal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein." 40 Jahre später, darunter 10 Jahre mit vergeblichen Versuchen, das Inflationsziel von 2 Prozent für die Eurozone zu erreichen, scheinen diese Worte überholt, so Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei LFDE - La Financière de l'Échiquier.

Denn trotz des Einsatzes zahlreicher Instrumente - die Senkung der Leitzinsen bis in den negativen Bereich, die Aufblähung der EZB-Bilanz durch Anleihenkäufe, die Refinanzierungsgeschäfte für Banken - scheine der Einfluss der Zentralbank auf die Inflation fast null zu sein. Dagegen würden sich andere strukturelle Faktoren, wie die Alterung der Bevölkerung, geringe Produktivitätszuwächse, zu starker Wettbewerbsdruck durch Zombieunternehmen, die durch die Niedrigzinsen am Leben gehalten würden, als sehr wirkmächtig zeigen.

Trotzdem habe Christine Lagarde die Herausforderung als Nachfolgerin von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank angenommen. Und als sei diese Aufgabe nicht schon schwierig genug, habe die neue EZB-Präsidentin noch eine weitere Herausforderung genannt: Die Begrenzung der Erderwärmung auf "below but close to two degrees", wie es ein Zentralbanker ausdrücken würde. Auf der Pressekonferenz vom 23. Januar 2020 habe die EZB-Präsidentin die Ziele ihrer Amtszeit in diesen beiden Bereichen festgesteckt.

Zuerst werde sie sich der strategischen Überprüfung der EZB-Politik annehmen. Dies sei mit anderen Worten eine erforderliche Bestandsaufnahme der EZB-Entscheidungen seit der Krise 2008 und ihrer positiven oder unerwünschten Auswirkungen auf die Wirtschaft. Hierbei werde es keine Tabus geben. Es würden Überlegungen angestellt, wie die Umweltthemen Klima und Biodiversität, die bisher von der Finanzwelt, aber auch von den progressivsten Institutionen noch kaum beachtet werde, einbezogen werden könnten.

Nach dieser Prüfung, die voraussichtlich Ende 2020 abgeschlossen sein werde, könnte es zu strukturellen Änderungen kommen. Vorstellbar wäre beispielsweise, dass die Instrumente zur Inflationsmessung neu festgelegt würden, sei es durch eine Neuformulierung des Inflationsziels oder die Einbeziehung der Klimafrage in das EZB-Mandat, denn diese werde sich insbesondere über die Kosten für Agrarerzeugnisse, Energie und Wohnraum zwangsläufig auf die Inflation auswirken. Das wäre originell, denn es wäre der Versuch, den Temperaturanstieg - auch im gesellschaftlichen Klima - zu begrenzen und gleichzeitig den Preisanstieg zu begünstigen.

"Die Erderwärmung ist wie Zahnpasta. Ist sie erst mal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein." Hoffen wir, dass diese neue Losung auf Dauer nicht zum Repertoire der Zentralbank gehören wird und dass ihr der Spagat zwischen Geldpolitik und Klimafrage gelingt, indem sie eine Inflation von 2 Prozent erreicht und zur Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius beiträgt, so die Experten von La Financière de l'Échiquier. Wer folge auf Super Mario? Green Lady oder Christine "Lagaffe", die wie die gleichnamige belgische Comic-Figur kein Fettnäpfchen auslasse? (28.01.2020/alc/a/a)