EZB: Fallende Inflation eröffnet Zinssenkungsspielraum


06.12.24 12:15
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Steigende Aktien- und Rentenkurse haben die Stimmung der Marktteilnehmer deutlich aufgehellt, so die Analysten der Weberbank.

Einige Indizes, darunter der deutsche Aktienindex DAX und der amerikanische S&P 500, hätten sogar neue Allzeithochs erreicht. Gleichzeitig würden jedoch politische Spannungen in Frankreich das Gesamtbild trüben. In der aktuellen Ausgabe von "Finanzmarkt aktuell" beleuchte man die zukünftige Entwicklung der Aktien- und Rentenmärkte sowie die Auswirkungen der politischen Krise in Frankreich.

Die neue französische Regierung unter Michael Barnier sei bereits nach wenigen Wochen an der Verabschiedung des Haushalts für 2025 gescheitert. Ein erfolgreiches Misstrauensvotum, initiiert von der linken Volksfront und unterstützt vom rechten Rassemblement National, habe zum Sturz der Regierung geführt. Es sei das erste Mal seit 1962, dass eine französische Regierung auf diese Weise abgesetzt worden sei. Präsident Emmanuel Macron stehe nun vor der schwierigen Aufgabe, einen neuen Premierminister zu ernennen. Während Barnier erneut in Betracht gezogen werden könnte, gelte ein Sozialist als wahrscheinlicherer Kandidat, um ein neues Bündnis zwischen der moderaten Linken und dem Zentrum zu schmieden.

Angesichts der knappen Zeit bis Jahresende erscheine es jedoch als unwahrscheinlich, dass die neue Regierung rechtzeitig ein Haushaltsgesetz für 2025 verabschieden könne. Sollte dies nicht gelingen, müsste auf Notfallgesetze zurückgegriffen werden, was eine restriktive Fiskalpolitik zur Folge hätte. In diesem Fall wären die Ausgaben auf dem Niveau des Vorjahres gedeckelt. Aus Sicht der Analysten werde die französische Regierung nur einen begrenzten politischen Spielraum im Jahr 2025 haben. Dies könnte das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern beeinträchtigen, die Wirtschaftsleistung schwächen und den internationalen Einfluss Frankreichs verringern.

Die Unsicherheit rund um den Haushalt habe bereits zu einem deutlichen Anstieg der Renditeaufschläge für französische Staatsanleihen geführt. Der Abstand zu deutschen Bundesanleihen sei so hoch wie seit der Eurokrise nicht mehr, und die Kreditkosten hätten zeitweise das Niveau Griechenlands erreicht. Auch der französische Aktienmarkt habe sich in diesem Jahr deutlich schlechter als der Euro Stoxx 50 Index entwickelt. Obwohl man derzeit keine Ausbreitung der Krise auf die gesamte Eurozone erwarte, rate man zur Vorsicht bei Investitionen in französische Anleihen sowie zinssensible Aktien wie Banken und Versicherungen. Politische Instabilität und eine unklare langfristige Fiskalpolitik blieben die zentralen Belastungsfaktoren.

Die Konjunktursorgen in Deutschland und die damit verbundenen Erwartungen weiterer Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) hätten die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe auf 2,1 Prozent gedrückt. Zusätzliche Unterstützung habe der Rentenmarkt durch die insgesamt rückläufige Inflation erhalten, die in den letzten Monaten vor allem durch sinkende Energie- und Güterpreise beeinflusst worden sei. Man gehe davon aus, dass die Inflationsrate mittelfristig auf 2 Prozent sinken werde. Dieser Rückgang dürfte die EZB dazu veranlassen, die Leitzinsen schrittweise in Richtung 2 Prozent abzusenken.

Die Stimmung an den Aktienmärkten sei derzeit kaum zu übertreffen: Der DAX habe erstmals die Marke von 20.000 Punkten überschritten, und auch der S&P 500 habe historische Höchststände erreicht. Die europäischen Aktienmärkte hätten diesem Aufschwung jedoch nicht vollständig folgen können und seien hinter den anderen Indizes zurückgeblieben. Gründe für die Zurückhaltung seien unter anderem Sorgen über mögliche Zölle unter dem designierten US-Präsidenten Donald Trump, eine schwächelnde regionale Wirtschaft und die politischen Turbulenzen in Frankreich.

Trotz dieser Herausforderungen bleibe das Investmentumfeld für Aktien aus Sicht der Analysten insgesamt positiv. Besonders optimistisch sei man aber für die US-Aktienmärkte. Die solide Wirtschaftsentwicklung, unterstützt von fiskalischen Anreizen und Deregulierung, könnte die hohen Bewertungen rechtfertigen und einen längeren Wachstumszyklus einleiten. Für europäische Aktien bleibe man hingegen zurückhaltender. Trotz attraktiverer Bewertungen stellten Zölle und Handelskonflikte ein großes Risiko dar, was sowohl das wirtschaftliche Wachstum als auch die Gewinne exportorientierter Unternehmen belasten könnte. (06.12.2024/alc/a/a)