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EZB-Entscheidung: Noch hawkischer als die FED
16.06.23 11:30
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die EZB verkündete eine hawkische Botschaft, indem sie nicht nur die Leitzinsen um 25 Basispunkte anhob, sondern auch eine weitere Zinserhöhung im Juli ankündigte, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Dies sei durch eine Aufwärtskorrektur der Kerninflation bis zum Jahr 2025 unterstrichen worden. Interessanterweise habe Lagarde auf die Lohnstückkosten hingewiesen, die, wie sie gesagt habe, der Hauptgrund für die höhere Kerninflation seien. Nehme man ihre Worte für bare Münze, seien sogar zwei oder drei weitere Zinserhöhungen zu vermuten. Die Erwartung der Analysten: Nur eine Anhebung im Juli und dann eine lange Pause bis tief ins Jahr 2024.
Die Ankündigungen im Einzelnen:
Über den zukünftigen Zinspfad: "... es ist sehr wahrscheinlich, dass wir die Zinsen im Juli weiter anheben werden ..." "Wir denken nicht daran, eine Pause einzulegen" "Haben wir noch einen Weg vor uns? Ja."
Einordnung: Die Vorankündigung eines Zinsschritte im Juli habe Lagarde während der Pressekonferenz gleich zwei Mal gemacht, sodass eine Zinserhöhung im Juli eine beschlossene Sache zu sein scheine.
Über Inflation und Lohnstückkosten: "Ein großer Teil davon [der Aufwärtskorrektur der Kerninflationsrate] [...] ist auf die Lohnstückkosten zurückzuführen" "... das ist besonders wichtig, weil (...) viele Dienstleistungen (...) arbeitsintensiv sind und die Löhne (...) eine Schlüsselrolle spielen."
Einordnung: Mit der Fokussierung auf die Lohnstückkosten (und der mehrfachen Wiederholung dieses Arguments), die nicht nur von den Löhnen, sondern auch von der Produktivität abhängen würden, gelinge es Lagarde oder sie versuche es zumindest, die politische Diskussion um Lohnanhebungen zu vermeiden.
Abgesehen davon habe Lagarde aus wirtschaftlicher Sicht recht, denn die Lohnstückkosten (und nicht die Löhne alleine) seien für die Kostenkomponente der Arbeit in Waren und Dienstleistungen entscheidend. In Deutschland seien die Lohnstückkosten im ersten Quartal 2023 um 6,2% im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen, was deutlich über dem jährlichen Durchschnitt von 2,2% in den letzten zehn Jahren liege. Die Prognosen der EZB für die Lohnstückkosten seien für 2024 und 2025 nach oben korrigiert worden.
Zu den neuen Stabsprojektionen: Starke Aufwärtsrevision der Kerninflationsrate in den Jahren 2023 (von 4,6% auf 5,1%) und 2024 (von 2,5% auf 3,0%). Das BIP-Wachstum sei geringfügig nach unten korrigiert worden.
Einordnung: Die Aufwärtskorrektur der Kerninflation untermauere die hawkische Haltung und das "Versprechen", die Zinsen im Juli wieder anzuheben. Widersprüchlich sei allerdings die Aussage von Lagarde gewesen, dass das Erreichen des Inflationsziels erst im Jahr 2025 "nicht schnell genug" ("timely") sei, was die Frage aufwerfe, warum die EZB nicht aggressiver vorgehe, um dieses Ziel rechtzeitig zu erreichen. Die Antwort sei vermutlich, dass das Risiko von Finanzmarktturbulenzen bestehe, aber die Frage bleibe trotzdem ungeklärt. Die Kommunikation zu diesem Thema könnte sicherlich besser sein.
Zu den TLTRO Langfristfinanzierungen (von dem bis zum 28. Juni 477 Mrd. Euro fällig seien): "[...] die Banken wissen das. [...] und wir haben auf jeden Fall die normalen Fazilitäten zur Verfügung [...]" "[...] wir haben die Mittel, Maßnahmen zu ergreifen und alle Instrumente zu nutzen [...], wenn es nötig wäre."
Einordnung: Tatsächlich sollten Banken auf diese Fälligkeiten vorbereitet sein und nicht in Liquiditätsnöte geraten. Einige Bankanalysten seien jedoch skeptisch, ob das für alle Institute, insbesondere in Italien, gelte.
Zu einem neuen Inflationsziel: "Wir werden die 2% erreichen. [...] Was dann passiert, ist eine andere Geschichte, aber wir wollen das Ziel erreichen [...]."
Einordnung: In den vergangenen Monaten habe die Diskussion, ob die EZB an dem Inflationsziel von 2% festhalten sollte oder dieses flexibilisieren/ erhöhen sollte, etwas an Fahrt aufgenommen. Die Antwort von Lagarde habe so gewirkt, als sei sie selber nicht ganz davon überzeugt, dass das Festhalten an dem bisherigen Inflationsziel wirklich eine gute Idee sei. Es sei eher so angekommen wie: Nun, man müsse das jetzt durchziehen, es sei keine Option, jetzt die Pferde zu wechseln, aber früher oder später sollte man das Ziel flexibilisieren. (16.06.2023/alc/a/a)
Dies sei durch eine Aufwärtskorrektur der Kerninflation bis zum Jahr 2025 unterstrichen worden. Interessanterweise habe Lagarde auf die Lohnstückkosten hingewiesen, die, wie sie gesagt habe, der Hauptgrund für die höhere Kerninflation seien. Nehme man ihre Worte für bare Münze, seien sogar zwei oder drei weitere Zinserhöhungen zu vermuten. Die Erwartung der Analysten: Nur eine Anhebung im Juli und dann eine lange Pause bis tief ins Jahr 2024.
Die Ankündigungen im Einzelnen:
Über den zukünftigen Zinspfad: "... es ist sehr wahrscheinlich, dass wir die Zinsen im Juli weiter anheben werden ..." "Wir denken nicht daran, eine Pause einzulegen" "Haben wir noch einen Weg vor uns? Ja."
Einordnung: Die Vorankündigung eines Zinsschritte im Juli habe Lagarde während der Pressekonferenz gleich zwei Mal gemacht, sodass eine Zinserhöhung im Juli eine beschlossene Sache zu sein scheine.
Über Inflation und Lohnstückkosten: "Ein großer Teil davon [der Aufwärtskorrektur der Kerninflationsrate] [...] ist auf die Lohnstückkosten zurückzuführen" "... das ist besonders wichtig, weil (...) viele Dienstleistungen (...) arbeitsintensiv sind und die Löhne (...) eine Schlüsselrolle spielen."
Abgesehen davon habe Lagarde aus wirtschaftlicher Sicht recht, denn die Lohnstückkosten (und nicht die Löhne alleine) seien für die Kostenkomponente der Arbeit in Waren und Dienstleistungen entscheidend. In Deutschland seien die Lohnstückkosten im ersten Quartal 2023 um 6,2% im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen, was deutlich über dem jährlichen Durchschnitt von 2,2% in den letzten zehn Jahren liege. Die Prognosen der EZB für die Lohnstückkosten seien für 2024 und 2025 nach oben korrigiert worden.
Zu den neuen Stabsprojektionen: Starke Aufwärtsrevision der Kerninflationsrate in den Jahren 2023 (von 4,6% auf 5,1%) und 2024 (von 2,5% auf 3,0%). Das BIP-Wachstum sei geringfügig nach unten korrigiert worden.
Einordnung: Die Aufwärtskorrektur der Kerninflation untermauere die hawkische Haltung und das "Versprechen", die Zinsen im Juli wieder anzuheben. Widersprüchlich sei allerdings die Aussage von Lagarde gewesen, dass das Erreichen des Inflationsziels erst im Jahr 2025 "nicht schnell genug" ("timely") sei, was die Frage aufwerfe, warum die EZB nicht aggressiver vorgehe, um dieses Ziel rechtzeitig zu erreichen. Die Antwort sei vermutlich, dass das Risiko von Finanzmarktturbulenzen bestehe, aber die Frage bleibe trotzdem ungeklärt. Die Kommunikation zu diesem Thema könnte sicherlich besser sein.
Zu den TLTRO Langfristfinanzierungen (von dem bis zum 28. Juni 477 Mrd. Euro fällig seien): "[...] die Banken wissen das. [...] und wir haben auf jeden Fall die normalen Fazilitäten zur Verfügung [...]" "[...] wir haben die Mittel, Maßnahmen zu ergreifen und alle Instrumente zu nutzen [...], wenn es nötig wäre."
Einordnung: Tatsächlich sollten Banken auf diese Fälligkeiten vorbereitet sein und nicht in Liquiditätsnöte geraten. Einige Bankanalysten seien jedoch skeptisch, ob das für alle Institute, insbesondere in Italien, gelte.
Zu einem neuen Inflationsziel: "Wir werden die 2% erreichen. [...] Was dann passiert, ist eine andere Geschichte, aber wir wollen das Ziel erreichen [...]."
Einordnung: In den vergangenen Monaten habe die Diskussion, ob die EZB an dem Inflationsziel von 2% festhalten sollte oder dieses flexibilisieren/ erhöhen sollte, etwas an Fahrt aufgenommen. Die Antwort von Lagarde habe so gewirkt, als sei sie selber nicht ganz davon überzeugt, dass das Festhalten an dem bisherigen Inflationsziel wirklich eine gute Idee sei. Es sei eher so angekommen wie: Nun, man müsse das jetzt durchziehen, es sei keine Option, jetzt die Pferde zu wechseln, aber früher oder später sollte man das Ziel flexibilisieren. (16.06.2023/alc/a/a)


