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EZB-Entscheidung: Ende des Zinsanhebungszyklus schon erreicht?


28.07.23 12:12
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat die Leitzinsen erneut um 25 BP auf jetzt 4,25% (Hauptrefinanzierungssatz) bzw. 3,75% (Einlagezinssatz) angehoben, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Notenbankchefin Christine Lagarde habe sich bei der Erläuterung der Erhöhung aber eher "dovish" gezeigt und die Datenabhängigkeit künftiger Entscheidungen betont. Lagarde habe dennoch die Tür für Zinserhöhungen offengelassen, indem sie immer wieder erwähnt habe, dass sie mit der Inflationsentwicklung noch nicht zufrieden sei. Die Wahrscheinlichkeit für ein Ende des Zinsanhebungszyklus sei gestiegen und entspreche der Analysten-Erwartung.

Die Ankündigungen im Einzelnen (Zitate seien in Anführungszeichen und von Christine Lagarde, es sei denn, es werde auf jemand anderen verwiesen):

Änderung des Wortlauts der Erklärung (im Vergleich zum Juni): "Der Rat wird ... sicherstellen, dass die Leitzinsen der EZB auf einem ausreichend restriktiven Niveau festgesetzt werden ..." statt vorher "... auf ein ausreichend restriktives Niveau gebracht werden ...".

Einordnung: Zusammen mit dem Zitat "Es gibt die Möglichkeit einer Pause. Es ist ein entschiedenes "Vielleicht"." erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, dass es im September keine Zinserhöhung geben werde. Aber Lagarde habe auch gesagt: "Haben wir die Inflation besiegt? Nein, wir wollen das Spiel zu Ende spielen."

Über die Datenabhängigkeit der nächsten Zinsentscheidungen: "Was ich damit sagen will, ist, dass die Daten ... uns sagen werden, ob und wie weit wir gehen müssen. ... Wir könnten also die Zinsen erhöhen oder sie gleich lassen." "... die Beweislast wird bei den Daten liegen."

Einordnung: Die EZB kommuniziere ähnlich wie die FED, bei der FED-Chef Powell auch gestern immer wieder betont habe, dass die Daten über den weiteren Weg der Zinsentwicklung entscheiden würden.

Die Daten, die die EZB genau beobachten werde: "Wir werden uns die Kerninflation ansehen. ... Aber wenn man sich insbesondere die Dienstleistungen ansieht, muss man die energieintensiven und die zinssensitiven Bereiche aufschlüsseln und untersuchen, wie hoch der Anteil der Arbeit in den verschiedenen Segmenten der Dienstleistungen ist."

Einordnung: Der Dienstleistungssektor sei der Hauptbereich, in dem die Inflation noch immer anhalte, was auch der HCOB PMI zeige, insbesondere für Deutschland.

Über die Vergütung der Mindestreserven: Die EZB habe die Mindestreservevergütung auf 0% gesenkt. Bisher (seit Dezember 2022) sei sie mit dem durchschnittlichen Zinssatz der Einlagefazilität verzinst worden. Überschussreserven, also Kontoguthaben bei der EZB über die Mindestreserve hinaus, würden bereits mit 0% verzinst.

Einordnung: Möglicherweise wolle die EZB die Verluste in ihrem Portfolio, in dem vor allem deutsche Bundesanleihen mit einer negativen Rendite gekauft worden seien, etwas ausgleichen.

Zu QT als geldpolitisches Instrument und zur Bilanzverkürzung: "Unser wichtigstes Instrument ... unter den derzeitigen Umständen ... sind die Zinssätze. Es wird also keinen Zielkonflikt zwischen Zinsen und QT geben." "... wir haben nicht über die Verkürzung unserer Bilanz diskutiert."

Einordnung: Die APP-Anleihen würden seit Juli 2023 nicht mehr reinvestiert, sodass dieses Portfolio im Durchschnitt um etwa 25 Mrd. Euro pro Monat abgebaut werde, was angesichts des Gesamtvolumens des APP von etwa 3,1 Billionen Euro ein bescheidenes Tempo sei. Ein Einsatz des APP als kurzfristiges geldpolitisches Instrument zur Beeinflussung der langfristigen Zinssätze würde unter den derzeitigen Umständen überraschen. (28.07.2023/alc/a/a)