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EZB: Draghis Eingeständnis
17.09.19 09:30
La Financière de l´Echiquier
Paris (www.anleihencheck.de) - Die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag hielt, was sie versprach, so Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, und Alexis Bienvenu, Fondsmanager La Financière de L'Echiquier.
Die angekündigten Maßnahmen seien ein starker geldpolitischer Anreiz. Doch auf den zweiten Blick sei hier auch das Eingeständnis einer strukturell bedingten Machtlosigkeit zu erkennen.
Einige der angekündigten Maßnahmen seien einfach und weithin erwartet gewesen. Dies gelte insbesondere für die weitere Senkung des Einlagenzinssatzes der EZB von -0,40 Prozent auf -0,50 Prozent. Die Banken sollten durch den negativen Zinssatz abgeschreckt und veranlasst werden, Geld an die Wirtschaftsteilnehmer zu verleihen und somit Inflation zu erzeugen. Das sei eigentlich nichts Neues und vor allem als symbolische Maßnahme zu verstehen - denn wenn ein negativer Zinssatz von - 0,40 Prozent die Inflation in der Eurozone bisher nicht habe anfachen können, wie solle dann ein kaum veränderter Zinssatz das Blatt wenden? Allerdings sei klar, dass dieser negative Zinssatz den Banken an die Substanz gehe.
Zum Ausgleich dieser für die Banken nachteiligen Maßnahme habe die Zentralbank zwei Neuheiten angekündigt. Erstens eine leichte, vorteilhafte Abänderung der Bedingungen für langfristige Kredite, die die EZB den Banken im Rahmen des TLTRO-Programms (Targeted Longer-Term Refinancing Operations) gewähre. Aber zweitens und vor allem ein lange erwartetes "Tiering"-System für die auf die Einlagen bei der EZB geltenden Zinssätze, das für einen Teil der dort hinterlegten Reserven eine günstigere Verzinsung vorsehe. Ein großer Teil dieser Reserven werde nun mit 0 Prozent anstelle von -0,50 Prozent verzinst. Dies stelle angesichts des Volumens der betroffenen Reserven (nach unseren Schätzungen gelte nun für 700 Mrd. Euro der Reserven in Höhe von insgesamt 1.800 Mrd. Euro ein Nullzins) eine deutliche Unterstützung für die Banken dar.
Als Sahnehäubchen lege die EZB wieder ein Anleihenkaufprogramm am Sekundärmarkt über 20 Milliarden Euro pro Monat auf. Dieser Betrag sei etwas niedriger als erwartet. Neu sei jedoch, dass weder Laufzeit noch Volumen im Voraus festgelegt seien. Dieses Programm ende erst, wenn die von der EZB gewünschte Inflation dauerhaft und fest auf einem Niveau nahe 2% verankert sei, was jedoch noch lange nicht in Sicht sei. Dies komme dem Versprechen von Käufen gleich, die abgesehen vom Inflationskriterium unbeschränkt erfolgen würden - und somit potenziell endlos, wenn die Inflation nicht steige.
Dieses Maßnahmenbündel, die letzte Amtshandlung von Draghi als Zentralbankchef, hätte von den Markteilnehmern freudig begrüßt werden können, doch diese hätten sehr zögerlich reagiert. Denn der letztendliche Nutzen dieser Maßnahmen sei alles andere als gewiss. Obwohl die EZB den Markt seit Jahren mit Liquidität überschwemme, bleibe die Inflation weiterhin schwach. Gleiches gelte für die Wachstumsrate in der Eurozone. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Der aus Sicht der Experten wichtigste Punkt sei jedoch das Vermächtnis, das Draghi durch seinen neuerlichen, noch eindringlicheren Appel an die Politik hinterlasse: Die EZB könne nicht alles, so Draghi. Die Mitgliedstaaten der Eurozone müssten mithilfe ihrer Fiskalpolitik (oder Haushaltspolitik) eingreifen. Dies könne als Eingeständnis gewertet werden: Die EZB habe trotz ihrer Bemühungen und der Risiken durch ihre wenig orthodoxe Geldpolitik keine Mittel mehr, um die Inflation anzutreiben. Nun könne sie nur noch die Zinssätze niedrig halten, damit sich Unternehmen und Staaten günstig verschulden könnten, auch wenn sie sich hierbei auf Kosten der Anleiheninhaber bereichern würden (dank der negativen Zinssätze).
"Verschuldet euch, verschuldet euch weiter!", fordere Draghi die Staaten auf. Er übergebe nun an die Politik und an Christine Lagarde. Diese müssten die Folgen tragen, egal, wie sie aussehen würden. (17.09.2019/alc/a/a)
Die angekündigten Maßnahmen seien ein starker geldpolitischer Anreiz. Doch auf den zweiten Blick sei hier auch das Eingeständnis einer strukturell bedingten Machtlosigkeit zu erkennen.
Einige der angekündigten Maßnahmen seien einfach und weithin erwartet gewesen. Dies gelte insbesondere für die weitere Senkung des Einlagenzinssatzes der EZB von -0,40 Prozent auf -0,50 Prozent. Die Banken sollten durch den negativen Zinssatz abgeschreckt und veranlasst werden, Geld an die Wirtschaftsteilnehmer zu verleihen und somit Inflation zu erzeugen. Das sei eigentlich nichts Neues und vor allem als symbolische Maßnahme zu verstehen - denn wenn ein negativer Zinssatz von - 0,40 Prozent die Inflation in der Eurozone bisher nicht habe anfachen können, wie solle dann ein kaum veränderter Zinssatz das Blatt wenden? Allerdings sei klar, dass dieser negative Zinssatz den Banken an die Substanz gehe.
Als Sahnehäubchen lege die EZB wieder ein Anleihenkaufprogramm am Sekundärmarkt über 20 Milliarden Euro pro Monat auf. Dieser Betrag sei etwas niedriger als erwartet. Neu sei jedoch, dass weder Laufzeit noch Volumen im Voraus festgelegt seien. Dieses Programm ende erst, wenn die von der EZB gewünschte Inflation dauerhaft und fest auf einem Niveau nahe 2% verankert sei, was jedoch noch lange nicht in Sicht sei. Dies komme dem Versprechen von Käufen gleich, die abgesehen vom Inflationskriterium unbeschränkt erfolgen würden - und somit potenziell endlos, wenn die Inflation nicht steige.
Dieses Maßnahmenbündel, die letzte Amtshandlung von Draghi als Zentralbankchef, hätte von den Markteilnehmern freudig begrüßt werden können, doch diese hätten sehr zögerlich reagiert. Denn der letztendliche Nutzen dieser Maßnahmen sei alles andere als gewiss. Obwohl die EZB den Markt seit Jahren mit Liquidität überschwemme, bleibe die Inflation weiterhin schwach. Gleiches gelte für die Wachstumsrate in der Eurozone. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Der aus Sicht der Experten wichtigste Punkt sei jedoch das Vermächtnis, das Draghi durch seinen neuerlichen, noch eindringlicheren Appel an die Politik hinterlasse: Die EZB könne nicht alles, so Draghi. Die Mitgliedstaaten der Eurozone müssten mithilfe ihrer Fiskalpolitik (oder Haushaltspolitik) eingreifen. Dies könne als Eingeständnis gewertet werden: Die EZB habe trotz ihrer Bemühungen und der Risiken durch ihre wenig orthodoxe Geldpolitik keine Mittel mehr, um die Inflation anzutreiben. Nun könne sie nur noch die Zinssätze niedrig halten, damit sich Unternehmen und Staaten günstig verschulden könnten, auch wenn sie sich hierbei auf Kosten der Anleiheninhaber bereichern würden (dank der negativen Zinssätze).
"Verschuldet euch, verschuldet euch weiter!", fordere Draghi die Staaten auf. Er übergebe nun an die Politik und an Christine Lagarde. Diese müssten die Folgen tragen, egal, wie sie aussehen würden. (17.09.2019/alc/a/a)


