EWU-Inflation: Fatales Missverständnis


15.07.14 11:11
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Diesen Donnerstag wird die Juni-Inflationsrate für Euroland veröffentlicht, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG.

Sie werde erneut unerwünscht niedrig sein. Und sie werde zeigen, dass die preislichen Anpassungsmechanismen in der Währungsunion (EWU) nicht gut funktionieren würden. Trotz einer extrem expansiven Geldpolitik lägen die Inflationsraten in Ländern mit niedrigeren Arbeitslosenquoten und strukturellen Leistungsbilanzüberschüssen nur wenig höher als der Euroland-Durchschnitt und deutlich unter 2%. Strukturstarke Länder hätten nicht ausreichend höhere Inflationsraten als Länder, die sich in einem stärkeren Anpassungsprozess befänden, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und die Arbeitslosigkeit zu senken. Die Löhne scheinen folglich nach oben nicht ausreichend flexibel zu sein, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG. Als Konsequenz würden sich zu niedrige Inflationsraten in Euroland insgesamt ergeben.

Die Glaubwürdigkeit der Inflationsnorm der EZB sei damit Segen und Fluch zugleich. Während sie die Inflationserwartungen im Aggregat stabilisiere, verankere sie die Inflationskompensation der starken Länder bei der Lohnfindung national und sektoral zu stark bei der für Gesamteuroland avisierten Inflationsrate von knapp 2%. Ein fatales Missverständnis, denn diese solle für den gesamten Euroraum, nicht für einzelne Volkswirtschaften gelten. Strukturelle Anpassungen würden so erschwert. Dass der Wechselkurs als Korrekturmechanismus von ökonomischen Ungleichgewichten in einer Währungsunion nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehe, gelte nicht nur für die Krisenländer, sondern für alle.

Aber welche Inflationsraten würde man in Deutschland, Luxemburg, Österreich und den Niederlanden, die über unterdurchschnittliche Arbeitslosenquoten und strukturelle Leistungsbilanzüberschüsse verfügen würden, eigentlich benötigen, um die Inflationsnorm der EZB zu erreichen? Akzeptiere man, dass die strukturschwachen Länder bei ihren derzeitig niedrigen Inflationsraten bleiben würden und dass es eine Gruppe mittelstarker Länder gebe, deren Inflation im EWU-Durchschnitt liegen könnte, dann wären in den strukturstarken Ländern Inflationsraten von 3,9% in 2014 und 3,2% in 2015 notwendig, um den EWU-Durchschnitt auf 1,9% anzuheben.

Höhere Inflationsraten in den starken Ländern der EWU beseitigten nicht nur die gegenwärtige "Niedriginflationssorgen" und japanische Szenarien. Sie würden auch die paradoxe Situation beenden, dass die in den letzten Jahren labilste Region der Welt deutliche Leistungsbilanzüberschüsse aufweise und unter einer zu starken Währung leide. Anderenfalls, wenn Löhne und Preise nicht in beide Richtungen flexibler würden, würden sich auch die Anpassungsprozesse in der EWU, das Niedriginflationsumfeld und die hohe Bewertung des Euro unnötig lange hinziehen. Der EZB würde solange nichts anderes übrig bleiben, als ihre expansive Geldpolitik fortzusetzen. (15.07.2014/alc/a/a)