EUR-Geldmarkt: Gedämpfte mittelfristige Leitzinserwartungen für die Eurozone


09.04.18 15:22
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Nach einem konjunkturell guten Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 2,2% (Eurozone: +2,5%) befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer konjunkturellen Hochphase, so die Analysten der NORD LB.

Auch im Schlussquartal 2017 habe die Wirtschaftsleistung mit 0,6% Q/Q über Potenzial expandiert. Allerdings seien die Produktionszahlen sowie die Einzel- und Außenhandelsdaten zum Jahresauftakt enttäuschend ausgefallen, so dass in Q1 eine deutlich geringere Wachstumsrate von max. 0,4% Q/Q zu erwarten sei. Dies dürfte aber auf eine Reihe von temporären Sonderfaktoren zurückgehen (Witterung, Grippewelle, Lage der Osterferien), was Aufholpotenzial für das Frühjahr verspreche. In der Summe würden die Analysten der NORD LB für das erste Halbjahr mehr eine Verschiebung der Auftriebskräfte denn eine deutliche Reduktion der Wachstumsdynamik sehen. Für 2018 würden sie ein BIP-Wachstum in Höhe von 2,4% prognostizieren.

Die Frühindikatoren hättaben zudem das sehr hohe Niveau von Ende 2017 nicht halten können. Zwar werde die aktuelle Lage weiterhin als gut bis sehr gut bewertet. Bei den Konjunkturerwartungen sei jedoch die zuvor geradezu euphorische Stimmung in den letzten Monaten einem deutlich nüchterneren Ausblick gewichen. So sei im Berichtsmonat April zum dritten Mal in Folge das sentix Konjunkturklima für die Eurozone gesunken, maßgeblich getrieben von einer schlechteren Erwartungskomponente, die erstmals seit Mitte 2016 wieder im negativen Bereich notiere. Damit würden Unternehmen und Finanzmarktexperten vor allem den gewachsenen globalen Risiken Rechnung tragen. Die Ankündigung der US-Regierung unter Führung von Donald Trump, Straf- bzw. Schutzzölle im Handel mit China einzuziehen sowie die Reaktion der chinesischen Führung hierauf, hätten die Gefahr eines Handelskrieges heraufbeschworen. Vor allem China solle demnach mit Sanktionen belegt werden, was Trump u.a. mit dem Diebstahl intellektuellen Eigentums begründe. Die multilateralen Handelsregeln der WTO würden zwar durchaus die Möglichkeit bieten, das Problem des geistigen Diebstahls anzugehen. Ganz bewusst wähle die US-Administration aber den Weg unilateraler Handelsbeschränkungen (bislang vor allem über die Erhöhung von Zöllen), von denen einige Staaten - zumindest temporär für den Zweck weiterer bilateraler Verhandlungen - ausgenommen worden seien.

Ein Handelskrieg würde nach Einschätzung der Analysten der NORD LB zufolge keinen Gewinner hervorbringen. Neben den direkten negativen Wirkungen bei den betroffenen Gütern (Preissteigerungen, Nachfragerückgang und damit einhergehend Wohlfahrtsverluste) seien auch Auswirkungen auf die Sektoren zu berücksichtigen, die die mit Schutz/Strafzöllen belegten Güter als Inputfaktoren verwenden würden. Beispielhaft sei hier auf die US-Fahrzeugindustrie verwiesen, die unter einem Anstieg der Beschaffungspreise für Stahl sicher zu leiden hätte. Dieses einfache Beispiel verdeutliche bereits, dass der Nettoeffekt bei Wertschöpfung und Beschäftigung auch in den USA sehr wahrscheinlich negativ sein würde.
Zudem wären auch Verschiebungen im globalen Handelsgefüge die Folge. Dies könne zu Zweitrundeneffekten in Form zusätzlicher Handelsbeschränkungen durch Drittstaaten führen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutend seien nicht nur kurzfristige Effekte, sondern auch strukturelle Folgen. So würden die globalen Wertschöpfungsketten unter Druck geraten. Zudem reduziere die Beschränkung des Handels auch die Wettbewerbsintensität, mit negativen Folgen für Innovation und Produktivitätswachstum. Durch einen Handelskrieg drohe somit zumindest ein Teil der Globalisierungsdividende verloren zu gehen. Im Extremfall könnte ein Stagflationsszenario (wirtschaftliche Stagnation bei deutlich erhöhter Inflation) die Folge sein.

Um das Risiko eines immer weiter eskalierenden Handelskrieges abzuschätzen, müssten die möglichen Beweggründe Donald Trumps abgewogen werden. Vordergründig würden häufig politische oder wahltaktische Aspekte benannt. So gehe es Trump auch um das Abarbeiten seiner politischen Agenda (Schwächung Multilateralismus, Stärkung der "vernachlässigten" US-amerikanischen Industriezweige) sowie um die Bedienung der eigenen Wählerschaft/Klientel ("Rust Belt"). Diese Argumente hätten vor dem Hintergrund der im November anstehenden Kongresswahlen sicher eine gewisse Relevanz. Das ökonomische Problem jedoch sei das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA. Die jüngste US-Steuerreform werde in den kommenden Jahren tiefe Löcher in die öffentlichen Haushalte reißen. Ohne zusätzliche private Ersparnis bzw. geringere private Investitionen werde sich infolge höherer Budgetdefizite das Leistungsbilanzdefizit ausweiten, und damit sehr wahrscheinlich auch die bilateralen Handelsbilanzdefizite z.B. mit China oder der EU. Vor allem China könnte somit von der Trump-Administration zum politischen Sündenbock für die nicht besonders nachhaltige Haushalts- und Steuerpolitik der USA gemacht werden.

So weit sei man zum Glück noch lange nicht. EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré habe Ende vergangener Woche in einem Interview mit CNBC geäußert, dass der Handelskonflikt zwar die größte Sorge aus Sicht der Zentralbank darstelle. Zugleich sei es aber noch nicht ausgemacht, dass der Konflikt zwangsläufig in einen echten Handelskrieg, mit entsprechend schädlichen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung, münden werde. Derzeit könne die EZB noch durch die mit den "Streitereien" verbundenen Effekte hindurchsehen. Die geplante Anpassung der Geldpolitik werde daher aktuell weiter intensiv diskutiert und vorbereitet, zumal Benoît Cœuré bei den Inflationszahlen vorsichtige Besserungssignale wahrgenommen habe. Die Inflationsrate sei im März auf 1,4% Y/Y gestiegen (Kernrate: 1,0% Y/Y), allerdings maßgeblich wegen der Lage der Osterferien. Von daher könnten die Analysten der NORD LB eher den Ausführungen Cœurés zustimmen, wonach die Geldpolitik noch geduldig bleiben müsse. Die EZB werde ihren Prognosen zufolge zumindest bis 2019 ihre Zielmarke für die Inflation von knapp 2,0% weiterhin verfehlen.

Die EZB habe derweil in der Korruptionsaffäre um den lettischen Notenbankpräsidenten Ilmārs Rimšēvičs den Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingeschaltet. Gegen das EZB-Ratsmitglied Rimšēvičs seien durch nationale Behörden ein Ausreise- sowie ein Amtsausübungsverbot verhängt worden. Über den EuGH solle nun gerichtlich geprüft werden, ob diese Maßnahmen mit dem Unionsrecht vereinbar seien. Die EZB habe sowohl eine einstweilige Anordnung als auch ein beschleunigtes Hauptsacheverfahren beantragt. Auch wenn die Notenbank angebe, ihr Antrag solle die "normale Arbeitsweise ihrer Beschlussfassung (…) gewährleisten", würden die Analysten der NORD LB die Arbeitsfähigkeit der EZB-Gremien durch die Causa Rimšēvičs nicht beeinträchtigt sehen.

Am EUR-Geldmarkt bleibe es vorerst bei dem Bild gedämpfter mittelfristiger Leitzinserwartungen für die Eurozone. Der Eonia 1Y1Y Forward notiere aktuell bei 0,1831%, der Eonia 2Y1Y Forward liege nur noch bei +0,1882%. Die aktuellen Sätze seien hingegen weiterhin wie festgenagelt: Der EONIA liege leicht unter der Marke von -0,36%, der 3M-Euribor notiere aktuell bei -0,329%. Es bleibt auch aus Sicht der Analysten der NORD LB dabei, dass eine erste Zinserhöhung (vermutlich zunächst nur der Einlagesatz) erst zur Jahresmitte 2019 wahrscheinlich sei. (09.04.2018/alc/a/a)






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