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ESG-Anleihenmarkt: Immer vielfältiger und flexibler


27.08.21 10:15
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Der Markt für ESG-Anleihen wächst unverändert schnell, 2020 legte dieses Anleihensegment um 29 Prozent zu, so Matthew Welch, Responsible Investment Specialist bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

Einen wesentlichen Anteil daran habe die zunehmende Emissionstätigkeit im Bereich der Social Bonds gehabt. Dieser Anstieg sei eindeutig mit der Ausbreitung des COVID-19-Virus und den damit verbundenen sozialen Problemen zusammengefallen, die von Gesundheits- und Sicherheitsproblemen bis hin zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen gereicht hätten. Auch im Jahr 2021 floriere die Emissionstätigkeit bei Social Bonds, wobei das aktuelle Emissionsvolumen bereits fast die Höhe des vergangenen Jahres erreicht habe. Dieser Trend werde sich aller Voraussicht nach fortsetzen, obwohl auf den Social Bonds-Markt 2021 erst 17 Prozent der gesamten Anleihenemissionen entfallen würden.

Nichtsdestotrotz seien Green Bonds nach wie vor der größte Treiber des derzeitigen Marktes für Anleihen mit ESG-Label. Diese würden sich als aktivitätsbasierte Anleihen kategorisieren lassen, bei denen die Erlöse für klar umrissene Projekte bestimmt seien. Das Instrument ermögliche Anlegern, genau zu verstehen, wie die Finanzierung zur Lösung von Umweltproblemen wie dem Klimawandel oder dem Verlust der Biodiversität eingesetzt werde.

Aufgrund der Nutzung eines auf Erlösverwendung basierenden Ansatzes (use-of-proceeds) seien der Finanz- und der Versorgungssektor unter den Unternehmensemittenten dieser Anleihekategorie überrepräsentiert. Diese beiden Sektoren würden häufig auf Projektbasis mit Portfolios arbeiten, die logischerweise mit klaren Nachhaltigkeitszielen verknüpft seien und daher leicht über maßnahmenbezogene Instrumente finanziert werden könnten. In jüngster Zeit habe man eine zunehmende Diversifizierung bei der Emission von Green Bonds über verschiedene Sektoren hinweg gesehen, aber die Konzentration auf bestimmte Sektoren sei immer noch gegeben. Man brauche daher einen Wandel in allen Sektoren, um die ökologischen Herausforderungen zu bewältigen.

Nun scheine mit nachhaltigkeitsbezogenen Anleihen (Sustainability-Linked Bonds) ein neues Finanzierungsinstrument als Antwort auf die sektorale Verzerrung des Marktes für Green Bonds entstanden zu sein. Das Konzept dieser Anleiheart sei vorausschauend und performanceorientiert, womit diese Wertpapiere im Gegensatz zu Green Bonds als verhaltensbasierte Instrumente eingestuft werden könnten.

Hervorzuheben sei, dass es im Gegensatz zu Green und Social Bonds keine "Zweckbindung" für die Verwendung der Anleiheerlöse für bestimmte Umwelt- oder Sozialprojekte gebe. Der Emittent habe volle Entscheidungsfreiheit über die Verwendung der Erlöse. Es handle sich also um ein Instrument, bei dem der Anleger nicht wisse, wo die Mittel investiert würden, er aber eine gewisse Sicherheit über die Auswirkungen habe, die das Unternehmen durch vordefinierte nachhaltige Ziele erzielen werde.

Die Aufhebung der projektbezogenen Beschränkungen ermögliche es einer größeren Zahl von Emittenten aus verschiedensten Sektoren, dieses Instrument zu nutzen. Diese zusätzliche Flexibilität sei sowohl Segen (breiteres Universum) als auch Fluch (mehr Potenzial für Greenwashing).

Um die Ausgestaltung von Sustainability-Linked Bonds zu standardisieren, habe die International Capital Market Association (ICMA) freiwillige Verfahrensrichtlinien für Unternehmen entwickelt, die eine Emission von Sustainability-Linked Bonds in Erwägung ziehen würden. Diese Grundsätze bestünden aus fünf Kernkomponenten:

- Die Auswahl von KPIs (Key Performance Indicators), die als relevantes Kernstück und wesentlich für den Emittenten erachtet würden. Außerdem sollten die KPIs messbar und vorzugsweise extern überprüfbar sein. Ein Beispiel hierfür liefere H&M: Der Emittent habe neben anderen KPIs den Anteil der recycelten Materialien an den insgesamt in seinen Handelswaren verwendeten Materialien als wesentlichen KPI für seine Branche ermittelt.

- Die Definition der Nachhaltigkeitsziele für die ausgewählten KPIs sollte ehrgeizig sein, d.h. es sei nicht sinnvoll, dass ein Unternehmen die Messlatte für sein Nachhaltigkeitsengagement niedrig ansetze. Um das Anspruchsniveau dieser Ziele zu messen, sollten sie mit Referenzwerten oder einer Vergleichsgruppe verglichen werden, über den "Business-as-usual"-Pfad hinausgehen und vorzugsweise einen Bezug zu wissenschaftlich fundierten Szenarien oder internationalen Zielen wie dem Pariser Abkommen zum Klimawandel aufweisen. Enel verwende für seinen Rahmen als Ziel die Verringerung der Treibhausgasemissionen, das nach Einschätzung der "Science Based Targets Initiative" (SBTi) mit dem 1,5°C-Pfad übereinstimmt.

- Die Art und Weise, wie sich die finanziellen oder strukturellen Merkmale der Anleihe in Abhängigkeit von der Erreichung der vorgegebenen Ziele ändern würden. Klabin, ein brasilianisches Papierunternehmen, habe beispielsweise eine Erhöhung des Kupons um 12,5 Basispunkte festgelegt, wenn der KPI "Wasserverbrauchsintensität" bis 2025 nicht dem vorgegebenen Ziel entspreche.

- Die Art und Weise, wie der Emittent über seine Fortschritte bei den relevanten KPIs berichten und vollständige Transparenz gegenüber den Anlegern gewährleisten werde.

- Wie die Überprüfung der Zielvorgaben für jeden KPI zu den vorgegebenen Zeitpunkten erfolge.

Angesichts der zusätzlichen Flexibilität dieser Art von Instrumenten und der Unwägbarkeit, mit der die Anleger hinsichtlich der Anleiheerlöse konfrontiert seien, müssten die Anleger jede Emission gründlich analysieren, um Sustainability-Washing zu vermeiden.

Dank des Umweltschwerpunkts von Präsident Bidens Infrastrukturprogramm, der Einführung von Umweltinitiativen der Europäischen Union und der Verbreitung von Zielen zur Reduzierung der Emissionen auf null, die von Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt angekündigt worden seien, werde die Emission von nachhaltigkeitsbezogenen Anleihen (Sustainability-Linked Bonds) weiter zunehmen. Dank der künftigen Regulierungsmaßnahmen, wie den kürzlich von der Europäischen Kommission veröffentlichten Standards für Green Bonds, werde es ein höheres Maß an Qualitätssicherung geben. Auf der anderen Seite würden Asset-Manager von den Anlegern noch genauer unter die Lupe genommen werden, da sie bei Investments in nachhaltigkeitsbezogene Anleihen ein tiefes Verständnis der Nachhaltigkeitsherausforderungen der Emittenten unter Beweis stellen müssten. (27.08.2021/alc/a/a)