Erweiterte Funktionen

EMD-Ausblick: "Größere Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern"


19.02.26 12:17
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Schwellenländeranleihen (EMD) haben die Anleger in letzter Zeit gut behandelt, so Christopher Mey, Head of Emerging Market Debt bei Candriam.

Staatsanleihen in Hartwährung hätten von hohen Kuponrenditen, engeren Spreads und einigen gut getimten Erholungen profitiert, während Unternehmensanleihen einem ähnlichen Drehbuch gefolgt seien. Dabei hätten Hochzinsanleihen für einen Großteil des Aufschwungs gesorgt. 2026 sei jedoch kein Jahr, in dem man einfach den Index kaufen und auf eine weitere leichte Spread-Einengung warten sollte.

Christopher Mey gehe davon aus, dass sich die Performance stärker an den Kuponerträgen orientieren werde, mit einer größeren Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern - und einem Markt, der eine schärfere Beurteilung von Politik, Finanzierung und Währungsrisiko erfordere.

Die Ausgangslage für EMD sei im Jahr 2026 anders als zuvor. Nach einem starken Lauf mache die Spread-Einengung auf breiter Front einen kleineren Teil des Performancepotenzials aus - und in einigen Teilbereichen seien die Spreads im historischen Vergleich sehr niedrig. Die Chancen seien nicht verschwunden, der Markt verzeihe nur weniger schwache Kapitalstrukturen.

Das verschiebe den Renditemix wieder stärker in Richtung Carry und Roll-down. Die All-in-Renditen blieben zwar attraktiv, doch wenn der Carry einen größeren Teil der Performance trage, dürfe das Abwärtsrisiko nicht ausgeblendet werden: Eine einzelne Fehlposition könne mehrere Monate an Erträgen zunichtemachen. Insofern sei mit kürzeren, aber ausgeprägteren Volatilitätsschüben zu rechnen als mit einem gleichmäßig verlaufenden Einbahnmarkt.

Diese Volatilitätsschübe seien eher auf die Politik und die politischen Entscheidungen der einzelnen Länder zurückzuführen als auf einen einzelnen globalen Schock. Eine härtere Handelspolitik der USA, veränderte Sanktionen und Veränderungen in der Lieferkette würden sich ungleichmäßig auswirken. Einige Länder würden davon profitieren, bei anderen werde die Risikoprämie steigen, wenn die Glaubwürdigkeit der Politik oder die außenwirtschaftlichen Bilanzen fragil erschienen.

Wahlen seien ein weiterer Katalysator. Wenn Regierungen sich auf kurzfristige Finanzierungen stützten, um Versprechen zu finanzieren, könnten sich die Märkte schnell Sorgen um die Inflation und die Unabhängigkeit der Zentralbank machen. Der Index könne ruhig aussehen, während eine Handvoll Namen weiter auseinanderklaffe - daher konzentriere sich Christopher Mey auf die Dispersion und nicht auf "Emerging Markets" als alleinigen Trade.

Christopher Mey erwarte weniger Ausfälle als in den vergangenen Jahren, gleichwohl bestünden weiterhin strukturelle Bruchlinien. Senegal steche dabei als zentrales kurzfristiges Risikoszenario hervor. Argentinien erscheine weniger riskant als seit Längerem - eine Verbesserung gegenüber dem Tiefpunkt des Zyklus, auch wenn die Unsicherheit fortbestehe.

Libanon und Venezuela befänden sich weiterhin im Default und ein möglicher Restrukturierungspfad dürfte langwierig sein. Entscheidend sei, dass das Ausfallrisiko zunehmend idiosynkratisch werde - was eine fundamentale Kreditanalyse unverzichtbar mache.

Bei Staatsanleihen in Hartwährung sähen die Spreads im historischen Vergleich niedrig aus, aber es gebe Nuancen. EMD Investment Grade (IG) werde immer noch rund 20 Basispunkte höher gehandelt als US IG, und EMD High Yield (HY) liege über dem Fünfjahresdurchschnitt ihres Spread-Aufschlags auf US HY. In absoluten Zahlen seien die Renditen immer noch hoch - rund 6,8 Prozent für Schwellenländer-Staatsanleihen.

Die Spreads von Schwellenländer-Unternehmensanleihen seien ebenfalls niedrig, aber im Vergleich zu ihren US-Pendants und gegenüber Schwellenländer-Staatsanleihen seien sie angemessener. Die Renditen von Unternehmensanleihen in Hartwährung lägen bei etwa 6,3 Prozent, während das durchschnittliche BBB-Rating beibehalten werde. In vielen Fällen lasse sich immer noch eine höhere Rendite als bei ähnlichen US-Unternehmensanleihen erzielen. EMD in Lokalwährungen könne funktionieren, wenn die Federal Reserve (Fed) die Zinsen weiter senke, aber die Devisen seien der entscheidende Faktor - die Messlatte für eine Währungspositionierung müsse also hoch liegen.

In seinem Basisszenario gehe Christopher Mey von einer sanften Landung aus, bei der eine gewisse Abschwächung der US-Arbeitsmarkt- und Vertrauensdaten teilweise durch anhaltende Investitionen im Zusammenhang mit KI ausgeglichen werde. Er gehe von einer weiteren Normalisierung der Fed-Politik aus, mit zwei oder drei Senkungen im Laufe des Jahres. In diesem Szenario erwarte er etwa 7 Prozent für Schwellenländer-Staatsanleihen in Hartwährung, etwa 6 Prozent für Unternehmensanleihen in Hartwährung und etwa 8 Prozent für Lokalwährungsanleihen.

In einem ungünstigeren Szenario mit einer leichten Rezession in den USA erwarte Christopher Mey eine Spread-Ausweitung, einen Anstieg der Zahlungsausfälle und eine Abschwächung der Schwellenländerwährungen - teilweise ausgeglichen durch mehr Spielraum für globale Zinssenkungen. Die Performance für Staatsanleihen in Hartwährung läge in einem solchen Fall bei nahe 0 Prozent, etwa +1 Prozent für Unternehmensanleihen in Hartwährung und etwa 4 Prozent für Lokalwährungsanleihen. Die Botschaft sei, dass Ertragserwartungen attraktiv seien, die Dispersion jedoch über das Ergebnis entscheiden werde. (19.02.2026/alc/a/a)