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Draghis Bilanz
31.10.19 12:15
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Notenbankpräsident Mario Draghi verlässt turnusgemäß die Europäische Zentralbank, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.
Was bleibe von ihm, dem zwischen Super Mario und Graf Draghila viele Titel anhaften würden?
Dies werde kein Hohelied auf Mario Draghis Leistungen, aber auch keine Wiederholung der platten Kritik, die häufig zu vernehmen sei. Acht Jahre habe Draghi an der Spitze der EZB gestanden. Was habe Draghi erreicht?
Die Entscheidungen zu Beginn seiner Amtszeit würden kaum Kritik auf sich ziehen. Weniger als zwei Monate im Amt habe der Notenbankchef die "Dicke Berta" bzw. die ersten Langfristtender gezündet. Dieses Finanzierungsinstrument sei jedoch recht bald angesichts der Wucht der Eurokrise verpufft und es sei einer der berühmtesten (vermutlichen) Alleingänge eines Notenbankpräsidenten gefolgt, als er 26. Juli 2012 in London folgende Worte gesagt habe: "Innerhalb ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, um den Euro zu retten."
Dann eine wirkungsvolle Pause. "Und glauben Sie mir - es wird reichen." Dies sei die berühmte "Whatever it takes"-Rede gewesen. Ergebnis sei ein auf einzelne Länder zugeschnittenes optionales Anleiheankaufprogramm gewesen. Und ja, es habe gereicht: Die Risikoprämien seien zurückgegangen, das Wachstum habe sich wieder belebt, es sei der Anfang vom Ende der Eurokrise gewesen. Draghi habe erkannt, dass die Investoren so und nur so hätten beruhigt werden können. Die bis dahin dominierende Angst, ein Schuldenmonster wie Italien würde die Eurozone in den Abgrund reißen, wich der Einsicht, dass im Rahmen eines Anleiheankaufprogramms im Prinzip keine Italien-Pleite mehr drohe, weil die Notenbank die Rolle des Schuldners letzter Instanz mit Hilfe der Notenpresse erfüllen könne.
Die durch die Krise der Währungsunion ausgelöste Rezession habe fast zwei Jahre gedauert. Der Schock der Eurokrise habe tief gesessen. Die im Jahr 2013 folgende Erholung sei blutarm gewesen und erst Ende 2014 habe sich eine größere Dynamik bemerkbar gemacht. Interessanterweise sei das der Zeitpunkt gewesen, als Mario Draghi ein umfängliches Anleiheankaufprogramm nach dem Vorbild der USA gestartet habe. Und hier würden sich die Geister scheiden: Sei dieses QE-Programm wirklich notwendig gewesen?
Die plausibelste und von Draghi selbst vertretene Antwort sei, dass das Inflationsziel deutlich verfehlt worden sei. In der Tat seien die Preise um die Jahreswende 2014/2015 um bis zu 0,6% im Jahresvergleich gefallen, deutlich unter dem Inflationsziel von etwa +2%. Nun könne man fragen, was denn so schlimm an einer niedrigen Inflation sein solle. Draghi selbst hat diese Frage eher selten beantwortet und sich lieber auf eine fast schon juristische Position zurückgezogen, die sinngemäß etwa folgendermaßen lautet: Wir haben ein klares Mandat, und das lautet, für Preisstabilität zu sorgen, berichten die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Wenn das Inflationsziel nach unten oder oben verfehlt wird, dann sind wir geradezu verpflichtet, zu handeln und QE-Politik ist da das Mittel der Wahl, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Soweit die Argumentation Draghis.
Für viele sei dieser Gedankengang zu abstrakt. Es wäre durchaus gut gewesen, wenn Draghi die Risiken einer Deflation häufiger in der Öffentlichkeit thematisiert hätte. Dass nämlich eine durchschnittliche Inflationsrate von beispielsweise 0,5% in der Eurozone impliziere, dass in einigen Ländern wie etwa Italien tatsächlich schon Deflation herrsche. Dass daher ein Sicherheitsabstand zur Nulllinie sinnvoll sei. Und dass sinkende Preise fallende Umsätze von Unternehmen bedeuten würden und dass es daher für Firmen immer schwieriger werde, den Schuldendienst zu leisten. Insolvenzen könnten sich in diesem Umfeld mehren. Diese Zusammenhänge hätte Draghi immer wieder erklären müssen und dass er das nicht getan habe, füge sich in die allgemeine Beobachtung, dass der Notenbankpräsident lieber mit den Finanzmärkten als mit den Leuten auf der Straße kommuniziert habe.
Und dann sei da schließlich die ominöse EZB-Sitzung vom 12. September 2019 gewesen. Nach dem Beschluss des überraschend umfangreichen Maßnahmenpakets (Zinssenkung, Anleiheankäufe, Langfristtender, Forward Guidance) habe sich der Eindruck festgesetzt, Draghi habe seine Sicht durchgedrückt und den EZB-Rat gespalten.
Was bleibe neben "Whatever it takes" von Draghi? Der Satz, den der Notenbankpräsident auf seiner letzten Sitzung quasi als sein Motto definiert habe: "We never give up" Das passe in der Tat zu seinem Verständnis von Geldpolitik. Man dürfe dennoch hinterfragen, ob dieses Motto ein guter Leitsatz für seine Nachfolgerin Christine Lagarde wäre. Nicht aufgeben sei das eine, Dinge über das Knie brechen das andere. Was in jedem Fall festzuhalten sei, dass unter seiner Führung die EZB eindeutig angelsächsischer geworden sei. Das sei nicht schlecht, denn darunter sei vor allem mehr Pragmatismus zu verstehen. Und den könne eine im globalen Umfeld und im Wettstreit mit der FED agierende Notenbank gut gebrauchen. (Ausgabe vom 30.10.2019) (31.10.2019/alc/a/a)
Was bleibe von ihm, dem zwischen Super Mario und Graf Draghila viele Titel anhaften würden?
Dies werde kein Hohelied auf Mario Draghis Leistungen, aber auch keine Wiederholung der platten Kritik, die häufig zu vernehmen sei. Acht Jahre habe Draghi an der Spitze der EZB gestanden. Was habe Draghi erreicht?
Die Entscheidungen zu Beginn seiner Amtszeit würden kaum Kritik auf sich ziehen. Weniger als zwei Monate im Amt habe der Notenbankchef die "Dicke Berta" bzw. die ersten Langfristtender gezündet. Dieses Finanzierungsinstrument sei jedoch recht bald angesichts der Wucht der Eurokrise verpufft und es sei einer der berühmtesten (vermutlichen) Alleingänge eines Notenbankpräsidenten gefolgt, als er 26. Juli 2012 in London folgende Worte gesagt habe: "Innerhalb ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, um den Euro zu retten."
Die durch die Krise der Währungsunion ausgelöste Rezession habe fast zwei Jahre gedauert. Der Schock der Eurokrise habe tief gesessen. Die im Jahr 2013 folgende Erholung sei blutarm gewesen und erst Ende 2014 habe sich eine größere Dynamik bemerkbar gemacht. Interessanterweise sei das der Zeitpunkt gewesen, als Mario Draghi ein umfängliches Anleiheankaufprogramm nach dem Vorbild der USA gestartet habe. Und hier würden sich die Geister scheiden: Sei dieses QE-Programm wirklich notwendig gewesen?
Die plausibelste und von Draghi selbst vertretene Antwort sei, dass das Inflationsziel deutlich verfehlt worden sei. In der Tat seien die Preise um die Jahreswende 2014/2015 um bis zu 0,6% im Jahresvergleich gefallen, deutlich unter dem Inflationsziel von etwa +2%. Nun könne man fragen, was denn so schlimm an einer niedrigen Inflation sein solle. Draghi selbst hat diese Frage eher selten beantwortet und sich lieber auf eine fast schon juristische Position zurückgezogen, die sinngemäß etwa folgendermaßen lautet: Wir haben ein klares Mandat, und das lautet, für Preisstabilität zu sorgen, berichten die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Wenn das Inflationsziel nach unten oder oben verfehlt wird, dann sind wir geradezu verpflichtet, zu handeln und QE-Politik ist da das Mittel der Wahl, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Soweit die Argumentation Draghis.
Für viele sei dieser Gedankengang zu abstrakt. Es wäre durchaus gut gewesen, wenn Draghi die Risiken einer Deflation häufiger in der Öffentlichkeit thematisiert hätte. Dass nämlich eine durchschnittliche Inflationsrate von beispielsweise 0,5% in der Eurozone impliziere, dass in einigen Ländern wie etwa Italien tatsächlich schon Deflation herrsche. Dass daher ein Sicherheitsabstand zur Nulllinie sinnvoll sei. Und dass sinkende Preise fallende Umsätze von Unternehmen bedeuten würden und dass es daher für Firmen immer schwieriger werde, den Schuldendienst zu leisten. Insolvenzen könnten sich in diesem Umfeld mehren. Diese Zusammenhänge hätte Draghi immer wieder erklären müssen und dass er das nicht getan habe, füge sich in die allgemeine Beobachtung, dass der Notenbankpräsident lieber mit den Finanzmärkten als mit den Leuten auf der Straße kommuniziert habe.
Und dann sei da schließlich die ominöse EZB-Sitzung vom 12. September 2019 gewesen. Nach dem Beschluss des überraschend umfangreichen Maßnahmenpakets (Zinssenkung, Anleiheankäufe, Langfristtender, Forward Guidance) habe sich der Eindruck festgesetzt, Draghi habe seine Sicht durchgedrückt und den EZB-Rat gespalten.
Was bleibe neben "Whatever it takes" von Draghi? Der Satz, den der Notenbankpräsident auf seiner letzten Sitzung quasi als sein Motto definiert habe: "We never give up" Das passe in der Tat zu seinem Verständnis von Geldpolitik. Man dürfe dennoch hinterfragen, ob dieses Motto ein guter Leitsatz für seine Nachfolgerin Christine Lagarde wäre. Nicht aufgeben sei das eine, Dinge über das Knie brechen das andere. Was in jedem Fall festzuhalten sei, dass unter seiner Führung die EZB eindeutig angelsächsischer geworden sei. Das sei nicht schlecht, denn darunter sei vor allem mehr Pragmatismus zu verstehen. Und den könne eine im globalen Umfeld und im Wettstreit mit der FED agierende Notenbank gut gebrauchen. (Ausgabe vom 30.10.2019) (31.10.2019/alc/a/a)


