Deutschland braucht Inflation und keine Mietpreisbremse


20.09.16 10:30
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - In Deutschland tobt eine merkwürdige Debatte, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG.

Die Mietpreisbremse wirke nicht wie erhofft, habe der Deutsche Mieterbund vergangene Woche beklagt. Tatsächlich würden die meisten Schlagzeilen zu der nun seit gut einem Jahr bestehenden Mietpreisbremse nicht den Schluss nahe legen, dass es sich um ein besonders erfolgreiches Gesetz handle. Die Mietpreisbremse sei ineffektiv und nicht funktional. So würden sich die Forderungen aus der Politik mehren, dass sie verschärft werden müsste. Dabei gehöre sie einfach nur abgeschafft. In der gegenwärtigen makroökonomischen Situation brauche Deutschland mehr Inflation und sicherlich keine staatlichen Eingriffe in die Preisentwicklung einzelner Sektoren.

Der Versuch Mietsteigerungen zu begrenzen - so verständlich er verteilungspolitisch auch sei - passe nicht zum makroökonomischen Umfeld. Das aktuelle wirtschaftspolitische Problem in der Währungsunion seien nicht zu hohe Preissteigerungsraten, sondern zu niedrige. Dazu trage vor allem Deutschland bei. Trotz Vollbeschäftigung, Arbeitskräftemangel und einer boomenden Wirtschaft sei die deutsche Inflationsrate zuletzt selten über 0,5% hinausgekommen. Sie sei auch dann deutlich zu niedrig, wenn man Sondereffekte wie günstigere Importe, insbesondere Rohstoffpreise, herausrechne: Selbst die Preise von Dienstleistungen würden nicht die Inflationsnorm der EZB erreichen. Nicht schlimm, mögen manche sagen, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG. Schon im nationalen Kontext sei das falsch, da zu niedrige Inflationsraten Strukturveränderungen erschweren würden.

Zudem sei Deutschland aber auch Teil einer Währungsunion, in der viele Schuldner unter der unerwartet niedrigen Inflation und viele Gläubiger unter entsprechend vielen Zahlungsausfällen leiden würden. Beide Gruppen wären besser gestellt, wenn die Inflation dort läge, wo die EZB sie eigentlich haben möchte - bei knapp 2%.

Insofern sei die extrem expansive Geldpolitik der Zentralbank konsequent. Die 2%-Norm gelte dabei nicht für einzelne Länder, sondern im Durchschnitt. Das bedinge, dass besonders wettbewerbsfähige Länder höhere Raten haben sollten als 2% und andere niedrigere. Genauso gelte die 2%-Norm nicht für einzelne Güter oder Dienstleistungen. Notwendig sei vielmehr eine gewisse Flexibilität, die einen Wandel der Nachfragestruktur ermögliche. Die Preisrückgänge für Rohstoffe seien ein solches Beispiel. Die Möglichkeit steigender Mieten in Deutschland sei ein anderes. Versuche die Wirtschaftspolitik, steigende Preise in einzelnen Bereichen zu verhindern, so bewirke sie derzeit nur eins: Eine noch längere Verfehlung der Inflationsnorm der EZB und eine folglich länger extrem expansive Geldpolitik.

Und insofern das aktuelle Niedrigzinsumfeld zu steigenden Immobilienpreisen beitrage, lasse sich zumindest eine Schlussfolgerung klar ableiten: Sollte die Mietpreisbremse in Deutschland erfolgreich sein, würde sie die Niedrigzinsphase verlängern und damit letztlich zu weiter steigenden Immobilienpreisen führen. Wenn die Wirtschaftspolitik Wohnraum für Geringverdiener bezahlbar machen möchte, sollte sie dies auf anderem Wege versuchen, zu erreichen. Höhere Nettolöhne wären beispielsweise ein deutlich effektiveres Instrument. (20.09.2016/alc/a/a)