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Deflation in China: Keine falsche Hoffnung machen


01.03.24 12:42
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Preiskampf bei E-Autos geht weiter, die Preise für Fotovoltaikanlagen im Sinkflug, 40% auf E-Fahrräder wegen Lagerräumung, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Das seien aktuelle Zeitungsschlagzeilen, die tatsächlich mehr seien als gut platzierte Marketingaktionen. Und sie hätten eine Gemeinsamkeit, die hier betroffenen Produkte würden zu einem großen Teil in China hergestellt, das seine überschüssige Industrieproduktion in den Weltmarkt drücke. Tatsächlich seien die Exportpreise Chinas zuletzt um rund 8% gegenüber dem Vorjahr gefallen.

Zwei Fragen würden sich aufdrängen. Erstens, sollte sich die Wirtschaftspolitik gegen die billigen Produkte aus China wehren? Und zweitens, in welchem Maße habe die Exportpolitik Chinas einen Einfluss auf die Inflation in der Eurozone und den USA bzw. was bedeute dies für die Geldpolitik der EZB und der FED?

Zum ersten Punkt: Wir Verbraucher können also jetzt das ersehnte E-Rad, das wir uns vorher nicht leisten wollten oder konnten, zum halben Preis erwerben, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Auch der Weg zum guten Gewissen in Sachen erneuerbarer Energien sei nunmehr günstiger zu begehen, seien Solarpanels doch wesentlich preiswerter zu haben als beispielsweise vor einem Jahr. Das sei doch eine prima Sache, warum sollte man mit Zöllen oder anderen protektionistischen Maßnahmen dagegen vorgehen?

Die EU-Kommission sehe das offensichtlich anders. Sie habe Ende letzten Jahres eine Untersuchung eingeleitet, ob China seine E-Autoproduktion subventioniere und ob entsprechend Zölle erhoben werden sollten. Die EU habe also nicht nur die Konsumenten im Blick, sondern auch die Produzenten, die hierzulande für Arbeitsplätze und die industrielle Basis sorgen würden. Klarer Fall, könnte man sagen. Tatsächlich hätten sich einige Autoproduzenten aber ablehnend gegenüber Handelsrestriktionen geäußert. Der Grund sei einfach, sie würden mit Produktionsstätten in China selber von Subventionen profitieren und zudem Gegenmaßnahmen aus dem Reich der Mitte fürchten.

Bei Solarpanels lohne es sich ebenfalls genauer hinzuschauen. In China seien mehr als 80% der globalen Produktionskapazitäten für Fotovoltaik angesiedelt, die zudem nach Aussagen des Bundeswirtschaftsministeriums massiv subventioniert würden. Kritiker der Importschwemme aus China würden mit der strategischen Abhängigkeit argumentieren, in die man sich bei der Energieversorgung begebe. Das Argument leuchte nicht ein. Anders als beim russischen Gas würde ein Exportstopp Chinas nicht dazu führen, dass der Solarstrom sofort wegbrechen würde. Man hätte Zeit, selber Produktionskapazitäten aufzubauen. Hier möge es eine Überlegung sein - das jüngste Aus des sächsischen Solarpanelproduzenten Meyer Burger rege zu dieser Diskussion an -, eine Mindestkapazität in der EU mit Subventionen aufrechtzuerhalten, um das Know How zu bewahren. Mehr aber auch nicht.

Auf Zölle sollte man beispielsweise verzichten. Man müsse nämlich auch berücksichtigen, dass eine Verteuerung der chinesischen Solarpanelimporte dazu führen würden, dass die Energiewende unnötig verlangsamt würde. Abgesehen davon sei eine derartige Politik gegen die Interessen der Handwerksbetriebe, die derzeit vom Solarboom profitieren würden.

Beim zweiten Punkt gehe es um die Wirkung der chinesischen Exportpolitik auf die Inflation und auf die Geldpolitik. Einige Beobachter würden sich in der Hoffnung ergehen, dass hier die "schöne" Erfahrung aus den 2000er Jahren wiederholt werden könnte, als Chinas Integration in die Weltmärkte einen ausgesprochen disinflationären Effekt auf die Weltmärkte gehabt habe. In der Folge sei es den Notenbanken relativ leicht gefallen, für Preisstabilität zu sorgen. Die Zinsen seien niedriger geblieben, als das ohne den China-Effekt der Fall gewesen wäre. Es wäre ein Irrtum erneut auf eine derartige Entwicklung zu setzen, die Welt sei heute eine komplett andere als vor 20 Jahren.

Denn der rein quantitative Effekt Chinas auf die Preise in der Eurozone und den USA sei niedriger als früher. Im Jahr 2016 hätten die USA knapp ein Fünftel ihrer Güter aus China importiert, aktuell seien es nur noch ein gutes Zehntel. Gemäß unserer Schätzung liegt der Anteil der Konsumgüter, die aus China eingeführt werden, in den USA bei rund 5% und in der Eurozone sogar unterhalb von 5%, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Dazu komme, dass zwischen der Produktion in China und dem Endabnehmer in einem Industrieland zahllose Zwischenhändler geschaltet seien, die ihre Margen geltend machen würden, sodass Preissenkungen nur in gedämpfter Form ankämen.

Der wichtigste Unterschied zu früher sei, dass in den 2000er Jahren strukturelle Faktoren die Disinflation angeheizt hätten. China sei zu Beginn des Jahrtausends der Welthandelsorganisation beigetreten, habe sich in die Weltmärkte integriert und in diesem Umfeld habe sich das Land in einem atemberaubenden Tempo industrialisiert. In dieser Entwicklungsphase sei China zur Werkbank der Welt geworden, wobei die hunderte von Millionen Wanderarbeiter:innen, die vom Land in die Städte gegangen seien, als Katalysator gewirkt hätten. Heute sei China aus dieser Phase herausgewachsen. Billige Handarbeit sei nicht mehr der Wachstumstreiber, zusätzliche ungelernte Personen könne der Arbeitsmarkt in China kaum noch absorbieren. Stattdessen würden Menschen mit Fachkenntnissen benötigt, die Löhne seien insgesamt kräftig gestiegen und Unternehmen aus dem Ausland würden es sich mittlerweile drei Mal überlegen, ob sie Produktionsstätten in China aufbauen würden, oder ob sie nicht lieber in Vietnam oder Malaysia oder anderen Standorten produzieren würden.

Erschwert werde die Lage für China noch dadurch, dass die Bevölkerung insgesamt schrumpfe, überaltert und daher weniger produktiv werde, die Produktion daher verteuert werde. Mit anderen Worten: Der eigentliche strukturelle Trend sei inflationär. Es sei nur der derzeitigen schwachen Inlandsnachfrage zu verdanken, dass viele Konsum- und Investitionsgüter aus China derzeit Preisrückgänge erleben würden. Auf lange Sicht könnten es sich die chinesischen Anbieter nicht leisten, den Unterbietungswettbewerb, der auch mit Konkurrenten aus dem Inland stattfinde, durchzuhalten. Der zyklische Disinflationsdruck dürfte über kurz oder lang in einen zyklischen Inflationsdruck münden, der zudem von strukturellen Faktoren noch unterstützt werde.

Selbst wenn einige Monate disinflationärer Druck aus China zu erwarten wäre, würde dies vermutlich nicht ausreichen, um den weiter bestehenden inflationären Trend in der Eurozone und den USA zu kompensieren. So hätten die jüngsten HCOB PMI beispielsweise gezeigt, dass die Inflationsrate im Dienstleistungssektor - dieser Sektor sei so gut wie unabhängig von der Inflationsentwicklung in China - beständig hoch bleibe. Hier schlage sich die Arbeitskräfteknappheit nieder, die den Arbeitnehmern mehr Verhandlungsmacht in den Lohnverhandlungen verleihe. Die überdurchschnittliche Streikaktivität in Deutschland lege dafür Zeugnis ab.

Insgesamt sei daher die Hoffnung, China könne nachhaltig dazu beitragen, die Inflation einzudämmen und stärkere Zinssenkungen der Notenbanken auslösen, eine falsche Hoffnung. EZB und FED würden gut daran tun, die strukturellen Gründe für die Inflation weiterhin im Blick zu behalten und nur vorsichtig Lockerungsschritte zu unternehmen. (Ausgabe vom 29.02.2024) (01.03.2024/alc/a/a)