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Coronavirus: Kommt die Inflation zurück?
06.03.20 09:00
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Einige Beobachter sind der Meinung, wir würden durch das Coronavirus einen Angebotsschock wie in den 1970er Jahren und damit einen sprunghaften Anstieg der Inflation erleben, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Bislang sehe es nicht danach aus und es gebe einige Gründe, warum das in den nächsten Monaten auch so bleiben werde.
Die Inflation sei tot, so sei es in den letzten Jahren angesichts an der Nullgrenze kratzenden Teuerungsraten immer wieder betont worden. Jetzt aber sei Covid19 da, sorge für einen klassischen Angebotsschock, weil sich viele Importgüter verknappen würden und damit werde auch die Inflation wieder zurückkehren - oder?
Angebotsschocks gebe es immer wieder. Zu den bekanntesten würden die Ölkrisen der 1970er Jahre zählen. Durch die Liefereinschränkungen der OPEC-Staaten sei es zu massiven Rohöl-Preiserhöhungen gekommen, wodurch die Benzin- und Heizölpreise in die Höhe geschossen seien, Unternehmen die höheren Energiekosten so weit möglich an ihre Kunden weitergegeben hätten und die Gewerkschaften sich mit zweistelligen Lohnforderungen gegen die resultierenden Kaufkraftverluste zu wehren versucht hätten. Das Ergebnis sei eine Stagflation gewesen, also eine stagnierende (zeitweise auch schrumpfende) Wirtschaft kombiniert mit Inflationsraten, die in vielen Ländern 10% überstiegen hätten.
Das Coronavirus ist auch ein Angebotsschock, denn viele Waren, die sonst aus China oder Südkorea geliefert werden, kommen jetzt gar nicht oder nur mit einer größeren Verzögerung an, Produktionsketten werden unterbrochen und vermutlich stehen wir erst am Anfang dieser Störungen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Daraus auf eine Wiederholung von Preisschocks zu schließen, sei vermutlich dennoch verfrüht.
Die Ölpreisschocks hätten die Besonderheit gehabt, dass mit diesem Energieträger genau der Rohstoff teurer geworden sei, den praktisch jeder benötige. Man spreche hier auch gerne von der unelastischen Nachfrage nach Öl, weil es kurzfristig keine Ausweichmöglichkeiten gebe. Das gelte für das Chemieunternehmen, das für die Produktion bestimmter Kunststoffe auf Rohöl angewiesen sei und das gelte für den Pendler, der nicht wegen einer Verdoppelung des Benzinpreises seinen Arbeitsplatz aufgeben werde.
Bei der Coronakrise sei das Problem aber anders gelagert. Es gehe hier nicht um ein spezifisches Gut, das von Produktionsengpässen betroffen sei, sondern um eine ganze Palette an Gütern. Man könnte meinen, dass das die Sache noch schlimmer mache. Jedoch dürfte in den meisten Fällen, und das sei der wichtige erste Punkt, die Nachfrageelastizität nach den entsprechenden Gütern wesentlich höher sein als bei Rohöl. Denn wenn beispielsweise das Auto nur mit Verzögerung geliefert werden könne, dann dürften die allermeisten Kunden bereit sein, etwas länger zu warten oder auf ein gebrauchtes Modell ausweichen, die wenigsten würden jedoch kräftige Preisaufschläge akzeptieren. Bei Grundstoffen für Medikamente, die zum größten Teil aus China bezogen würden, sei die Flexibilität natürlich geringer, aber insgesamt dürfte die Preissetzungsmacht der Unternehmen relativ beschränkt bleiben.
Der zweite Punkt sei, dass die Coronakrise kurzfristig sogar disinflationär wirke, d.h. die Teuerungsraten würden in den kommenden Monaten aller Wahrscheinlichkeit sogar niedriger ausfallen. Allein der Preis für Öl, bei dem es anders als in den 1970er Jahren keine Lieferbeschränkung gebe, sondern China weniger Öl verbrauche, sei in die Tiefe gerauscht und notiere knapp 20% niedriger als vor dem Ausbruch des Coronavirus. Auch andere Rohstoffe seien unter Druck geraten. Denn es handle sich eben nicht nur um einen Angebotsschock, sondern auch um einen Nachfrageschock. Ein paar Zahlen gefällig? China frage 33% aller weltweit produzierten Autos nach, 44% der Maschinenbauprodukte und bei Chemikalien liege der Anteil bei 40%. Schrumpfe dieser Gigant - und danach sehe es derzeit für das erste Halbjahr aus - dann würden die Preise über weite Teile unter Druck geraten.
Die Frage, die sich drittens für die nächsten zwei bis drei Jahre stelle, sei, wie rasch sich China, die Weltwirtschaft und damit auch die globale Nachfrage wieder erholen würden. Stoße diese Erholung der Nachfrage auf umgestellte und vermutlich teurere regional strukturierte Produktionsabläufe, könnte es mittelfristig stärker als gewohnt bei einer zunehmenden Kapazitätsauslastung zu einer steigenden Inflation kommen. Während in den letzten Jahrzehnten die Globalisierung die Wettbewerbsintensität erhöht habe und dadurch die Inflation kaum noch in Gang gekommen sei, könnten viele Unternehmen aus Angst vor künftigen disruptiven Schocks stärker auf eigene Kapazitäten setzen. Das werde teurer und auf Nachfragebooms würden die Unternehmen stärker als sonst mit Preiserhöhungen reagieren, weil sie in dieser weniger stark globalisierten Welt nicht mehr auf scheinbar unendlich flexible Zulieferer zugreifen könnten, die ihnen jede beliebige Menge liefern würden.
Insofern sei es tatsächlich möglich, dass der Corona-Schock trotz seines zunächst deflationären Effektes die Wende an der Inflationsfront hin zu höheren und sensibler reagierenden Teuerungsraten einleiten werde. Erschrecken Sie also nicht, wenn die immer wieder tot gesagte Inflation bald wieder quicklebendig für Schlagzeilen sorgt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. (Ausgabe vom 05.03.2020) (06.03.2020/alc/a/a)
Bislang sehe es nicht danach aus und es gebe einige Gründe, warum das in den nächsten Monaten auch so bleiben werde.
Die Inflation sei tot, so sei es in den letzten Jahren angesichts an der Nullgrenze kratzenden Teuerungsraten immer wieder betont worden. Jetzt aber sei Covid19 da, sorge für einen klassischen Angebotsschock, weil sich viele Importgüter verknappen würden und damit werde auch die Inflation wieder zurückkehren - oder?
Angebotsschocks gebe es immer wieder. Zu den bekanntesten würden die Ölkrisen der 1970er Jahre zählen. Durch die Liefereinschränkungen der OPEC-Staaten sei es zu massiven Rohöl-Preiserhöhungen gekommen, wodurch die Benzin- und Heizölpreise in die Höhe geschossen seien, Unternehmen die höheren Energiekosten so weit möglich an ihre Kunden weitergegeben hätten und die Gewerkschaften sich mit zweistelligen Lohnforderungen gegen die resultierenden Kaufkraftverluste zu wehren versucht hätten. Das Ergebnis sei eine Stagflation gewesen, also eine stagnierende (zeitweise auch schrumpfende) Wirtschaft kombiniert mit Inflationsraten, die in vielen Ländern 10% überstiegen hätten.
Die Ölpreisschocks hätten die Besonderheit gehabt, dass mit diesem Energieträger genau der Rohstoff teurer geworden sei, den praktisch jeder benötige. Man spreche hier auch gerne von der unelastischen Nachfrage nach Öl, weil es kurzfristig keine Ausweichmöglichkeiten gebe. Das gelte für das Chemieunternehmen, das für die Produktion bestimmter Kunststoffe auf Rohöl angewiesen sei und das gelte für den Pendler, der nicht wegen einer Verdoppelung des Benzinpreises seinen Arbeitsplatz aufgeben werde.
Bei der Coronakrise sei das Problem aber anders gelagert. Es gehe hier nicht um ein spezifisches Gut, das von Produktionsengpässen betroffen sei, sondern um eine ganze Palette an Gütern. Man könnte meinen, dass das die Sache noch schlimmer mache. Jedoch dürfte in den meisten Fällen, und das sei der wichtige erste Punkt, die Nachfrageelastizität nach den entsprechenden Gütern wesentlich höher sein als bei Rohöl. Denn wenn beispielsweise das Auto nur mit Verzögerung geliefert werden könne, dann dürften die allermeisten Kunden bereit sein, etwas länger zu warten oder auf ein gebrauchtes Modell ausweichen, die wenigsten würden jedoch kräftige Preisaufschläge akzeptieren. Bei Grundstoffen für Medikamente, die zum größten Teil aus China bezogen würden, sei die Flexibilität natürlich geringer, aber insgesamt dürfte die Preissetzungsmacht der Unternehmen relativ beschränkt bleiben.
Der zweite Punkt sei, dass die Coronakrise kurzfristig sogar disinflationär wirke, d.h. die Teuerungsraten würden in den kommenden Monaten aller Wahrscheinlichkeit sogar niedriger ausfallen. Allein der Preis für Öl, bei dem es anders als in den 1970er Jahren keine Lieferbeschränkung gebe, sondern China weniger Öl verbrauche, sei in die Tiefe gerauscht und notiere knapp 20% niedriger als vor dem Ausbruch des Coronavirus. Auch andere Rohstoffe seien unter Druck geraten. Denn es handle sich eben nicht nur um einen Angebotsschock, sondern auch um einen Nachfrageschock. Ein paar Zahlen gefällig? China frage 33% aller weltweit produzierten Autos nach, 44% der Maschinenbauprodukte und bei Chemikalien liege der Anteil bei 40%. Schrumpfe dieser Gigant - und danach sehe es derzeit für das erste Halbjahr aus - dann würden die Preise über weite Teile unter Druck geraten.
Die Frage, die sich drittens für die nächsten zwei bis drei Jahre stelle, sei, wie rasch sich China, die Weltwirtschaft und damit auch die globale Nachfrage wieder erholen würden. Stoße diese Erholung der Nachfrage auf umgestellte und vermutlich teurere regional strukturierte Produktionsabläufe, könnte es mittelfristig stärker als gewohnt bei einer zunehmenden Kapazitätsauslastung zu einer steigenden Inflation kommen. Während in den letzten Jahrzehnten die Globalisierung die Wettbewerbsintensität erhöht habe und dadurch die Inflation kaum noch in Gang gekommen sei, könnten viele Unternehmen aus Angst vor künftigen disruptiven Schocks stärker auf eigene Kapazitäten setzen. Das werde teurer und auf Nachfragebooms würden die Unternehmen stärker als sonst mit Preiserhöhungen reagieren, weil sie in dieser weniger stark globalisierten Welt nicht mehr auf scheinbar unendlich flexible Zulieferer zugreifen könnten, die ihnen jede beliebige Menge liefern würden.
Insofern sei es tatsächlich möglich, dass der Corona-Schock trotz seines zunächst deflationären Effektes die Wende an der Inflationsfront hin zu höheren und sensibler reagierenden Teuerungsraten einleiten werde. Erschrecken Sie also nicht, wenn die immer wieder tot gesagte Inflation bald wieder quicklebendig für Schlagzeilen sorgt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. (Ausgabe vom 05.03.2020) (06.03.2020/alc/a/a)
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