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Corona-Krise: Die Modern Monetary Theory könnte helfen


20.03.20 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Bundesregierung hat auf die Corona-Krise reagiert, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Sie nehme Geld in die Hand, und das nicht zu knapp. Die Rede sei von rund 500 Mrd. Euro, das entspreche 14% des BIP, die in erster Linie als Liquiditätshilfen bzw. umfassende Kreditgarantien eingesetzt würden und eine Finanzmarktkrise à la 2008/2009 verhindern sollten. In den nächsten Tagen und Wochen dürften weitere Maßnahmen verkündet werden, da Kredite alleine die Existenzen von Selbstständigen und Kleinunternehmen nicht zu retten vermögen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Deutschland könne sich das angesichts einer öffentlichen Verschuldung von unter 60% des BIP leisten. Andere Länder wie Italien und selbst Frankreich, ganz zu schweigen von Griechenland, stünden vor einer schwierigeren Aufgabe, weil die Investoren angesichts des hohen Schuldenstands von 133% des BIP (Italien) und 99% des BIP (Frankreich) bereits misstrauisch würden und höhere Risikozuschläge verlangen würden. Diese könnten explodieren und eine neue Eurokrise auslösen, wodurch sich die ohnehin schwerwiegende Rezession weiter vertiefen und verlängern würde. Die EZB habe reagiert und ein massives Anleiheankaufprogramm aufgelegt. Der Ansatz könnte aber immer noch zu kurz greifen. Was sei also zu tun?

Nun, es sei die Stunde von MMT, der Modern Monetary Theory. Diese Theorie klinge nach Geldpolitik, sei in Wirklichkeit aber Fiskalpolitik, die mithilfe der monetären Finanzierung die volkswirtschaftlichen Ressourcen dorthin lenken könne, wo sie in Notzeiten nach Meinung der Regierungen am dringendsten benötigt würden. D.h. zum einen in das Gesundheitswesen, zum anderen aber auch zur Unterstützung von Unternehmen, damit diese infolge eines temporären Einnahmenausfalls nicht Konkurs anmelden müssten und entsprechende Arbeitsplätze dauerhaft verloren gehen würden.

MMT erfordere in der Eurozone eine enge Zusammenarbeit zwischen den nationalen Finanzministerien und der Europäischen Zentralbank. Diese Institutionen könnten vereinbaren, dass Eurobonds begeben würden, die von der Europäischen Zentralbank direkt angekauft würden. Jedem Land fließe dann ein Betrag in Höhe von beispielsweise 20% der Wirtschaftsleistung dieses Landes zu. Die jeweilige Regierung könne dann entscheiden, wie das Geld eingesetzt werde, um die Krise in den Griff zu bekommen. Beispielsweise könnten die Krankenhäuser temporär mit mehr Mitteln ausgestattet werden, um neue Kapazitäten aufzubauen und Beatmungsgeräte zu erwerben. Selbstständige könnten pauschal für die Monate der Krise einen Scheck ausgestellt bekommen, um auf diese Weise die Fixkosten und den Schuldendienst zu leisten.

Müssten die Regierungen dieses Geld zurückzahlen? Nein, man könnte beispielsweise eine Anleihe mit 500 Jahren Laufzeit und einem Kupon von 0% auflegen. Denn die Idee sei, dass die Schuldenlast eben nicht weiter steige. Wäre eine Rückzahlung vorgesehen, würden die Risikoprämien auf die ausstehenden Schulden steigen und Unternehmen würden in zusätzliche Schwierigkeiten geraten, da sich ihre Refinanzierungsbedingungen in der Regel an denen des Heimatstaates ausrichten würden.

Aber würde ein derartiges Vorgehen nicht zu einer ungebremsten Inflation führen? Eine höhere Teuerungsrate sei unwahrscheinlich. Wenn der Staat etwa neue Krankenhäuser hochziehe und die Anschaffung medizinischer Geräte subventioniere, dann treibe das natürlich die Baukosten sowie die Preise der entsprechenden Apparate in die Höhe. Genau dadurch würden aber auch die Ressourcen in diese Sektoren gelenkt, das sei gewollt und sei im Übrigen die Idee des Preismechanismus, der in diesem Fall - anders als unter normalen Umständen - durch gezielte Prioritätensetzung der Regierungen beeinflusst werde. Da die an Selbstständige ausgezahlten Schecks in erster Linie für die Schuldendienstzahlungen verwendet würden, dürfte der von dieser Seite entstehende Preisdruck in einem ansonsten rezessiven Umfeld übersichtlich bleiben.

Könnte man nicht mit MMT außerdem ein groß angelegtes keynesianisches Konjunkturprogramm auflegen und so rasch einen Aufschwung herbeiführen? Nein, MMT würde in diesem Fall nicht in der Lage sein, eine Rezession zu vermeiden. MMT-Geld könne nicht Wertschöpfungsketten reparieren, geschlossene Grenzen wieder öffnen oder den Menschen die Angst vor dem Restaurantbesuch nehmen. Eine MMT-Politik könne aber verhindern, dass es durch temporäre Shutdowns ganzer Länder zu einer Insolvenzwelle und Vernichtung von Produktionskapazitäten komme und sie könne durch eine Stabilisierung des Gesundheitssystems das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Staates stärken - beides sollte dazu beitragen, die Dauer der Rezession zu verkürzen.

Schließlich die Frage: Was sei mit der Unabhängigkeit der Zentralbank? Diese Errungenschaft, die uns viele Jahrzehnte stabile Preise beschert hat, sollte doch nicht leichtfertig auf's Spiel gesetzt werden, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Stimme. Es müsse aber möglich sein, in extremen Ausnahmesituationen wie dieser alle wirtschaftspolitisch möglichen Instrumente in die Hand zu nehmen, um ein für die Gesellschaft bestmögliches Ergebnis zu erreichen. Gleichzeitig müsse klar sein, dass die enge Abstimmung zwischen Regierungen und der EZB zeitlich begrenzt bleiben müsse, bis sich die medizinische Lage und damit auch das Wirtschaftsleben wieder normalisiert habe.

MMT sei kein Allheilmittel. Es sei vielmehr eine Umschreibung für die Möglichkeit der Regierungen der Eurozone, zeitweise in enger Koordination mit der EZB eine Wirtschaftspolitik zu betreiben, mit der Prioritäten rasch umgesetzt werden könnten, ohne dass die privaten Anleger Furcht haben müssten, ihr Erspartes zu verlieren. Denn genau diese Furcht könnte eine Finanzmarktkrise könne das verhindern. (Ausgabe vom 19.03.2020) (20.03.2020/alc/a/a)