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Bundrenditen trotzen der allgemeinen Nervosität


21.05.21 10:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - An den Finanzmärkten war in den vergangenen Tagen erhebliche Nervosität zu spüren, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die Aktienmärkte hätten am 19.05. zeitweise kräftig nachgegeben, Bitcoin habe wilde Kapriolen geschlagen und auch der VIX Volatilitätsindex für den S&P 500-Index sei gestiegen. Trotz dieser Unruhe hätten die zehnjährigen Bund-Renditen ihren Anstieg fortgesetzt und lägen jetzt bei -9 BP. Die Pendants aus den USA würden sich hingegen im Wochenvergleich eher unauffällig verhalten und bei 1,66% rentieren.

Das wichtigste Thema an den Finanzmärkten bleibe die Inflation. Der Anstieg der US-Teuerungsrate auf 4,2% YoY (CPI) stecke einigen Anlegern noch in den Knochen, zumal die Kernrate im Monatsvergleich den höchsten Ausschlag seit 1981 aufgewiesen habe. Da allerdings die Verwerfungen durch die Coronakrise vorübergehender Natur sein dürften, sollten diese Effekte nicht überbewertet werden. Beispielsweise seien in den USA die Preise für Gebrauchtwagen massiv gestiegen, weil die Automobilhersteller aufgrund eines letztlich coronabedingten Mikrochipmangels weniger Autos produzieren könnten. Hier seien Marktkräfte am Werk, die letztlich zu einer Beruhigung der Preisdynamik führen würden.

So oder so stünden die Notenbanken unter einem Rechtfertigungsdruck, wenn sie nicht handeln würden. Die FED habe vorgestern ihr Protokoll über die letzte Notenbanksitzung von Ende April veröffentlicht. Demgemäß kämen die Mitglieder zu dem Schluss, dass man in einer der nächsten Sitzungen über ein Tapering, also die Reduktion der Anleiheankäufe, diskutieren sollte. Voraussetzung dafür sei, dass sich die Erholung an den Arbeitsmärkten fortsetze. Im vergangenen Monat habe es von dieser Seite einen Dämpfer gegeben, denn der Beschäftigungszuwachs habe mit 266.000 Personen bei etwa nur einem Viertel dessen gelegen, was man erwartet habe.

Die Preisausschläge bei Bitcoin seien in den vergangenen Tagen ebenfalls ein Thema an den Finanzmärkten gewesen. Vorgestern sei der Preis für Bitcoin auf knapp 30.000 US-Dollar gefallen, um sich danach wieder auf fast 40.000 US-Dollar zu erholen. Ursache dafür seien Aussagen der People's Bank of China gewesen, die Banken davor gewarnt habe, Kryptowährungen zu akzeptieren oder kryptobezogene Dienstleistungen wie etwa die Verwahrung oder den Handel mit diesen Assets anzubieten.

Echte Regulierungen könnten folgen. Keine Regierung werde sich die Entscheidung darüber aber leicht machen. Denn zum einen würde man dadurch Innovationen behindern und zum anderen Ausweichreaktionen provozieren, sodass die Kontrolle über Kryptotransaktionen weiter erschwert würde. Einige Tage zuvor habe sich Tesla-Chef, Elon Musk - bis dahin ein Anwalt für Bitcoin - kritisch über die Kryptowährung und insbesondere dessen hohen Energiebedarf geäußert. Im Ergebnis habe sich Bitcoin von Mitte April bis gestern zeitweise mehr als halbiert.

Das Thema Bitcoin beschäftige auch die EZB. Bei der Vorstellung des halbjährlich erscheinenden Finanzmarktstabilitätsreports habe der Vizepräsident der Notenbank, Luis de Guindos, die Bitcoin-Preisbewegungen mit der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert verglichen. Die daraus resultierenden Stabilitätsrisiken für die Finanzmärkte seien aber derzeit eher begrenzt. Die meisten Finanzinstitute würden keine Bitcoin halten und auch bei Privatanlegern würden Kryptoassets in der Regel keine Rolle spielen bzw. nur einen kleinen Prozentsatz ihres Portfolios ausmachen. Wichtiger seien Warnungen des Reports gewesen, dass die im Zuge der Coronakrise aufgebaute höhere Verschuldung im Unternehmenssektor zu Finanzmarktturbulenzen führen könnten. So hätten die zehn Prozent der am höchsten verschuldeten Unternehmen ihre Verschuldungsquote (Schulden zu Eigenkapital) von 220% vor der Krise auf 270% per Ende letzten Jahres erhöht. Außerdem rechne die EZB bei Gewerbeimmobilien mit weiteren Preisrückgängen, es gäbe Raum für eine deutliche Preiskorrektur. 7% des Kreditexposures von Banken der Eurozone sei Exposure gegenüber dem Immobiliensektor.

Datenseitig sei in den nächsten Tagen auf die PMI-Indices für die Eurozone zu achten (21.05.) sowie in Deutschland auf den ifo-Index (25.05.) und das GfK-Konsumentenvertrauen (27.05.), die sich allesamt auf den laufenden Monate Mai beziehen würden. Interessant sei auch, wie sich das BIP in Deutschland im ersten Quartal entwickelt habe (25.05.). Ein besonderes Augenmerk würden die Marktteilnehmer außerdem auf die Inflationsdaten aus den USA haben (PCE Inflation für April, 28.05.). (Ausgabe vom 20.05.2021) (21.05.2021/alc/a/a)