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Brandywine Global: China drückt den Alarmknopf


10.07.15 11:13
Legg Mason

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Die Talfahrt an Chinas Börsen hält Aktienanleger in Atem. Aber auch Anleiheninvestoren sollten auf der Hut sein, warnt Gary Herbert, Global Credit Portfoliomanager bei der Legg Mason-Tochter Brandywine Global: "Das Wachstum in China wird strukturell bedingt weiter zurückgehen. Und das preisen die meisten Anleger derzeit nicht richtig ein".

Einzelhandel, Schienenfahrzeuge, Autos - überall seien die Verkaufszahlen nicht nur rückläufig, sondern hätten neue Tiefstände erreicht. Und auch der chinesische Erzeugerpreisindex gehe schon seit rund 36 Monaten zurück. "Bleibt strukturelles Wachstum aus und zieht auch der Binnenkonsum nicht wieder an, könnte das schwache Wirtschaftswachstum in China sogar einen Dominoeffekt auf andere Schwellenländer haben", glaube Herbert.

Auch Herberts Kollege und Co-Portfoliomanager für globale Anleihenstrategien, Steve Smith, bewerte die Situation ähnlich und füge hinzu: "Wir sehen aktuell einen starken Preisverfall an den globalen Rohstoffmärkten sowie eine Abkühlung des weltweiten Wachstums. Die Gründe hierfür sind klar: die jeweilige Situation in Europa und China, immerhin Nummer zwei und drei unter den größten Volkswirtschaften."

Im vergangenen Jahr seien alle Augen auf die Währungspolitik in Europa gerichtet gewesen. Insbesondere am 9. März, als EZB-Präsident Mario Draghi sein Quantitative Easing angekündigt habe. Damals hätten jedoch viele Anleger China völlig aus den Augen verloren. Fatal, denn: Nicht nur die Erzeugerpreise seien seit mittlerweile 37 Monate rückläufig, auch die Inflation der Verbraucherpreise sei niedriger als 2012 in den USA. Zudem lägen die kurzfristigen Zinsen bei zehn Prozent.

"China koppelt seine Währung nach wie vor an den US-Dollar - wenn auch nicht mehr so eng. Nun zählen der US-Dollar, der Schweizer Franken und der Chinesische Yuan zu den stärksten Währungen der Welt. Da sind zehn Prozent Realzinsen in einer Volkswirtschaft mit einer solch starken Währung schon sehr verwunderlich", glaube Smith.

Smiths Kollege Herbert sehe in der zu restriktiven Währungspolitik den Grund für die schlechte Situation der chinesischen Wirtschaft: "Unserer Meinung nach war China zu spät mit seiner Lockerungspolitik und dann auch noch übervorsichtig bemüht, spekulative Mittelaufnahmen zu vermeiden. Nun drückt China zwar den Alarmknopf, auf die Politiker wartet jedoch noch jede Menge Arbeit. Denn wenn sie nicht weiterhin die Zinsen senken und die Finanzierungskosten für die Privatwirtschaft reduzieren, birgt dies ein ernstzunehmendes Risiko für den Markt."

Außerdem befänden sich Währungsgewinne und Anleihenrenditen in den Schwellenländern seit etwa ein bis zwei Jahren auf einem erhöhten Niveau. "Sowohl Währungen als auch Emerging Market Debt haben verglichen mit Corporate High Yields und anderen sicheren Häfen underperformt. Vor allem auf der Währungsseite haben wir große Bedenken, dass einige der Schwellenländer ihre Währungen gegenüber dem US-Dollar, dem Britischen Pfund und eventuell auch gegenüber dem Euro abschwächen werden, sollte die stimulierende Wirkung der chinesischen Währungspolitik nicht greifen und das erhoffte Wachstum ausbleiben", warne der Portfoliomanager.

Tatsächlich könnten die Risikoprämien in einigen Schwellenländern neu bepreist werden. Denn die Europäische Zentralbank verfolge eine stimulierende und aggressive Währungspolitik und plane, ihre Bilanzsumme bis zum dritten Quartal 2016 von zwei auf drei Billionen auszuweiten. "Wir warten derzeit nach wie vor darauf, dass die chinesischen Behörden stärker stimulierende Maßnahmen einleiten", erkläre Herbert.

Es habe eine Zeit mit diversen Fehlinvestitionen gegeben - etwa in Immobilien oder auch in einige der Kern-Rohstoffmärkte. Hier müssten deshalb viele Sektoren und staatseigene Unternehmen ihre Kapitalstruktur neu anpassen. Für Herbert sei dies derzeit das größte Risiko für das weltweite Wirtschaftswachstum. Ungeachtet dessen, bleibe man bei Brandywine trotzdem hoffnungsvoll. "Wir sind relativ optimistisch, dass China es nun verstanden hat und die kurzfristigen Zinsen weiter senken wird. Schlicht, weil sie es müssen und weil die Währung zu stark ist. Wird dieser Schritt umgesetzt, sollte dies positiv zum weltweiten Wachstum beitragen", fasse Smith zusammen. (Ausgabe vom 09.07.2015) (10.07.2015/alc/a/a)