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Beim Anti-Fragmentierungsinstrument der EZB sind viele Fragen offen


22.07.22 11:15
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die Unsicherheiten in Europa sind ohnehin groß, so Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

Nun habe sich die Lage mit dem Rücktritt von Ministerpräsident Mario Draghi in Italien und der Aussicht auf vorgezogene Neuwahlen noch einmal deutlich verschlechtert.

Die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) habe für eine weitere Überraschung gesorgt: Statt wie erwartet um 0,25 Prozent hätten die Währungshüter die Zinsen um 0,50 Prozent angehoben und die Eurozone aus den Negativzinsen geführt. Das zeige, wie viel Prognosen in dieser inflationsgesteuerten neuen Welt zählen würden. In der anschließenden Presseerklärung habe die EZB die Märkte mit der Aussage beruhigt, dass es sich um eine vorgezogene Straffung handle. Das bedeute, dass die Zinsen insgesamt nicht wesentlich stärker steigen sollten als erwartet.

Die Notenbanker hätten mit dem "Transmission Protection Instrument" (TPI) auch ihr neues Anti-Fragmentierungsinstrument vorgestellt. Das Instrument als ultimativer Backstop sei beeindruckend: Es ermögliche ganz nach Ermessen des EZB-Rats unbegrenzte Interventionen in jedem Land der Eurozone.

Der Teufel stecke aber wie immer im Detail: Aktuell herrsche noch große Unsicherheit über den Einsatz des Instruments. Es sei daher zweifelhaft, ob es ausreiche, um im Falle einer weiteren Verschlechterung der politischen Lage in Italien eine Ausweitung der Renditeaufschläge für Staatsanleihen des Landes zu verhindern.

Bislang seien die Bewegungen beim Italien-Spread ziemlich gedämpft gewesen - er habe sich um lediglich rund 20 Basispunkte ausgeweitet. Angesichts der Erwartung, dass EZB-Chefin Christine Lagarde und ihre Kolleginnen und Kollegen mit dem TPI zu Hilfe eilen würden, hätten sich die Auswirkungen der Turbulenzen auf die Stimmung der Marktteilnehmer in Grenzen gehalten. Die Experten seien positiv überrascht, dass es der EZB gelungen sei, das TPI auf den Weg zu bringen. Es gebe aber noch zu viele offene Fragen.

In den USA hätten die Marktteilnehmer in der vergangenen Woche nach einem überraschend negativen Inflationsbericht mit einer Turbo-Zinsanhebung der FED um 100 Basispunkte gerechnet. Die Volatilität sei in die Höhe geschnellt. Mit Christopher Waller und James Bullard hätten Entscheidungsträger der US-Notenbank jedoch schnell eingeschritten und die Lage abgekühlt, indem sie sich gegen einen solch extremen Schritt gestellt hätten. Derzeit werde eine Anhebung um 75 Basispunkte auf der Sitzung des FED-Offenmarktausschusses in der kommenden Woche eingepreist. Die beruhigende Rhetorik der FED sei einer der Hauptauslöser für die positive Stimmung gegenüber Aktien und Unternehmensanleihen gewesen.

Die Experten seien derzeit nicht begeistert von den Möglichkeiten, die die US-Renditekurve biete. Obwohl man angesichts der allgemeinen Ungewissheit und einer Reihe von Belastungsfaktoren nach wie vor zu höheren Renditen in den USA tendiere, würden sie vorerst an der Seitenlinie bleiben.

Insgesamt seien die Experten weiterhin der Ansicht, dass die zweite Jahreshälfte an den Kapitalmärkten positiver ausfallen werde als die erste. Im Moment sei es aber ratsam, vorsichtig zu bleiben und abzuwarten, bis sich der Nebel lichte und die Chancen deutlicher würden. (22.07.2022/alc/a/a)