Erweiterte Funktionen

Banken stehen als Akteure im Nachhaltigkeitssektor im Schatten - zu Unrecht


05.10.23 10:30
AB

München (www.anleihencheck.de) - Während sich Unternehmen wie Anbieter erneuerbarer Energien und Hersteller von Elektrofahrzeugen im Rampenlicht sonnen, bleibt ein ganzer Sektor, der den Wandel zu einer nachhaltigen Welt vorantreibt, unter dem Radar der Öffentlichkeit: die Banken. Zu Unrecht, denn immerhin sind sie unverzichtbare Kapitalgeber und entscheidende Akteure dieses enormen Wandels. Eine vertane Chance, meint Tiffanie Wong, CFA Director - Fixed Income Responsible Investing Portfolio Management bei AllianceBernstein (AB). Im Kommentar erkläre sie, warum insbesondere Anleger mit Fokus auf festverzinslichen Wertpapieren Banken ganz oben auf ihre Prioritätenliste nehmen sollten.

Banken seien große Emittenten auf den globalen Anleihenmärkten und würden einen wesentlichen Bestandteil der Anleihenindizes darstellen. In vielen Nachhaltigkeitsportfolios würden sie bisher allerdings eine untergeordnete Rolle einnehmen. Dabei würden Finanzunternehmen erhebliche Anlagechancen für nachhaltigkeitsorientierte Investoren bieten. Investoren mit Fokus auf festverzinslichen Anlagen stehe eine Reihe von Anleihen-Instrumenten zur Verfügung, die sich über die gesamte Kapitalstruktur einer Bank erstrecken würden (im Gegensatz zur relativ begrenzten Auswahl an Bankaktien für Aktionäre). Dabei könnten sie zwischen konventionellen Anleihen von Banken - dazu würden sowohl vorrangige als auch nachrangige Schuldtitel zählen - und Nachhaltigkeitsanleihen (GSS) wählen.

Als Akteure im Wandel zu einer nachhaltigen Welt würden Banken Kapital für bestimmte grüne oder soziale Projekte zur Verfügung stellen. Finanziert würden diese häufig mit GSS-Anleihen. Laut Bloomberg seien Ende 2022 weltweit Titel im Wert von 367 Milliarden US-Dollar ausgegeben worden. Damit würden Banken einen erheblichen Anteil der nachhaltig investierten Geldmittel stellen. In den meisten Ländern seien sogar Banken - und eben nicht die Kapitalmärkte - die Hauptfinanziers für nachhaltige Projekte. Sie seien nicht nur für die Umstellung auf saubere Energie und für Initiativen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes von zentraler Bedeutung, sondern auch für umfassende positive soziale Veränderungen. Europäische Banken würden bei nachhaltigen Finanzierungsinitiativen und der Emission von GSS-Anleihen eine Vorreiterrolle übernehmen. Doch es gebe weltweit viele weitere Beispiele für die nachhaltige Kreditvergabe von Banken:

Frauengleichstellung: Die Bank of Montreal (BMO) etwa habe Pionierarbeit bei Anleihen zur Förderung des weiblichen Unternehmertums geleistet und 2021 eine Women-in-Business-Sozialanleihe emittiert, die auf das UN-Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG) 5: "Gleichstellung der Geschlechter", SDG 8: "Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum" und SDG 10: "Verringerung der Ungleichheit" ausgerichtet sei. Die Erlöse würden an von Frauen geführte Unternehmen, einschließlich Kleinst-, Klein- und Mittelbetriebe, vergeben. Das erklärte Ziel bestehe dabei darin, eine integrative Gesellschaft ohne Barrieren und eine florierende Wirtschaft zu unterstützen. Dazu solle die Unterstützung für Unternehmen in Kanada verdoppelt, die von Frauen geführt würden.

Entwicklungstreiber: Itaú, eine große brasilianische Privat- und Geschäftsbank, sei ein Vorreiter bei der Einführung von GSS-Anleihen in den Schwellenländern gewesen. Ihre nachhaltige Anleihe sei flexibel und finanziere erneuerbare Energien, Kleinstunternehmen und mittelständische Unternehmen in den ärmsten Regionen Brasiliens. Diese Anleihe diene auch als Vorlage für eine Partnerschaft zwischen Itaú und der International Finance Corporation (einer Abteilung der Weltbank), um weitere sozial orientierte Mittel nach Brasilien zu leiten. Die Anleihe stehe in engem Zusammenhang mit SDG 8: "Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum".

Übergang von Bankkrediten zu grünen Anleihen: Weltweit gebe es viele Beispiele für Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, die zunächst von Banken finanziert und dann auf den Anleihenmärkten refinanziert würden. So habe die Citibank seit Ende der 1990er-Jahre CMI Energía (den größten Stromerzeuger aus erneuerbaren Energien in Mittelamerika) mit Bankkrediten in der Anfangsphase des Unternehmens unterstützt. Die Kraftwerke für erneuerbare Energien seien relativ klein, und ihr individueller Finanzierungsbedarf könne eine grüne Anleihe nicht rechtfertigen. Nach einer Reihe von Krediten an CMI Energía habe die Citibank im Jahr 2021 eine grüne Anleihe in Höhe von 700 Millionen US-Dollar auf den Kapitalmärkten gezeichnet. Dadurch habe die Bank ihre Bilanz entlasten und weitere Kredite für nachhaltige Zwecke sowohl an CMI Energía als auch an andere Unternehmen vergeben können.

Auch beim Thema Dekarbonisierung könnten umweltbewusste Banken als "führend" gelten - und zwar nicht nur bei der Optimierung ihres eigenen CO2-Aussstoßes, sondern auch bei den vergebenen Titeln ihres Kreditbuchs sowie der Beratung und Finanzierung der nachhaltigen Entwicklung ihrer Kunden. Gerade Niederländische Banken hätten hier in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterrolle übernommen. Die Rabobank etwa lege explizite Kriterien für die Bereitstellung grüner Finanzierungen fest. Die Bank bestehe darauf, dass von ihr finanzierte Gebäude, die vor 2020 gebaut würden, "zu den besten 15 Prozent des nationalen Gebäudebestands auf der Grundlage des Primärenergiebedarfs gehören müssen" oder, falls sie nach 2020 gebaut würden, einen Energieverbrauchswert aufweisen müssten, der "mindestens 10 Prozent unter dem Schwellenwert für die Anforderungen an Niedrigstenergiegebäude ("NZEB") auf dem lokalen Markt liegt". Diese sehr direkten und spezifischen Regeln stünden im krassen Gegensatz zu den eher nebulösen Anforderungen an die Mittelverwendung der jüngsten grünen Anleihen-Emissionen von Industrieunternehmen.

Auch der lokale Konkurrent ING verfolge eine umfassende nachhaltige Politik sowohl für die Unterstützung ihrer Kunden als auch das eigene Kreditbuch. Untermauert werde dies durch konkrete Ziele: Die neuen Finanzierungszusagen für erneuerbare Energien sollten bis Ende 2025 im Vergleich zu 2021 um 50 Prozent gesteigert werden; 100 Prozent ihres Gewerbeimmobilienportfolios sollten bis 2030 ein A-Energielabel haben; und der gesamte Kreditbestand solle bis 2050 oder früher Klimaneutralität erreichen. Ein weiteres Beispiel: ABN AMRO sei ein Vorreiter bei der Senkung der Kreditkosten für ihre Geschäftspartner, die sich Geld für Umweltzwecke leihen würden. Die Bank verpflichte sich, das "Greenium" - also die Kosteneinsparungen aus der Emission grüner und anderer ESG-zertifizierter Anleihen zu vorteilhaften Renditen - an die zugrunde liegenden Kreditnehmer weiterzugeben, was deren Gesamtprojektkosten verringere.

Sicherlich würden auch andere Finanzdienstleister einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Die Beispiele würden jedoch zeigen: Globale Banken seien von zentraler Bedeutung für die Weltwirtschaft und würden eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung von Schwellen- und Industrieländern spielen. Dabei hätten Banken eine unübertroffene Reichweite: Geschäftsbanken in öffentlichem Besitz könnten regionale Unternehmen unterstützen, die für die Kapitalmärkte zu klein seien.

Multilaterale Entwicklungsbanken, die ohne öffentliches Eigenkapital arbeiten würden, könnten hingegen Entwicklungsländern günstige oder kostenlose Kredite und/oder Kredite für nachhaltige Zwecke zur Verfügung stellen. Ein gutes Beispiel dafür sei die jüngste Galapagos-Anleihe zum Schutz der Meere ("Blue Bond"), die von Ekuador ausgegeben worden sei, um Schäden durch Naturverschmutzung zu kompensieren. Sie sei durch eine Garantie der Interamerikanischen Entwicklungsbank und eine Versicherung gegen politische Risiken der U.S. International Development Finance Corporation abgesichert. Während umweltbewusste Banken bei der Förderung des nachhaltigen Fortschritts das Tempo vorgeben würden, müsse noch viel getan werden, um bewährte Praktiken in diesem Sektor weltweit zu verbreiten. Investoren, die eine nachhaltige Welt anstreben, müssten mit dem Management der Banken zusammenarbeiten, um schnellere Fortschritte zu erzielen. (05.10.2023/alc/a/a)