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Bank of England bewegt die Rentenmärkte


30.09.22 09:53
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Großbritannien hat es geschafft, die internationalen Rentenmärkte maßgeblich zu bewegen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

So habe die Bank of England aus Furcht vor einer Destabilisierung der Anleihemärkte interveniert und den Ankauf von 65 Mrd. GBP an Anleihen über die nächsten 13 Tage angekündigt. Hintergrund sei der geradezu explosionsartige Anstieg der 30-jährigen Renditen auf 5% gewesen, der offensichtlich Pensionsfonds und Hypothekenbanken in Bedrängnis gebracht habe.

Nach der Ankündigung der BoE (28.09.) seien die 30-jährigen Renditen um einen ganzen Prozentpunkt und mit ihnen auch die langfristigen Renditen der Bunds und der T-Notes gesunken, die im zehnjährigen Bereich zwischenzeitlich 2,30% respektive 4,00% erreicht hätten. Die Intervention der BoE zeige, dass es für Marktteilnehmer nicht ungefährlich sei, auf weiter steigende Renditen zu wetten, denn die Notenbank habe theoretisch unendlich viel Munition, um den Bondmarkt zu stützen. Das gelte auch für die EZB und die FED bzw. für Euro- und US-Dollar Zinsen.

Die Stimmung werde derzeit wieder durch geopolitische Ereignisse belastet. So seien in den Erdgaspipelines North Stream 1 und 2 insgesamt vier Lecks entdeckt worden. Offensichtlich gebe es wenig Zweifel daran, dass es sich um Sabotage-Akte handle. Auch sei es möglich, dass die Pipelines für immer zerstört seien, da spätestens in zwei Tagen, wenn sämtliches Gas ausgetreten sein werde, Salzwasser in die Pipelines dringe und für Korrosionsschäden sorgen dürfte.

Klar scheine auf jeden Fall, dass die Energieinfrastruktur Europas wesentlich vulnerabler sei, als man sich dessen bislang bewusst gewesen sei, zumal es auch Unterseekabel für Strom gebe. Auch Telekommunikationskabel lägen in der Ostsee. In Reaktion auf die Anschläge seien die Erdgaspreise über die gesamte Futurekurve gestiegen, würden sich aber noch weit von den Spitzenwerten von Ende August entfernt befinden.

Am 30.09. dürfte Präsident Putin die Annexion von vier ost- und südukrainischen Regionen in der Duma beschließen und dadurch die geopolitischen Spannungen tendenziell erhöhen.

Derweil sei in Deutschland die Einführung eines Gaspreisdeckels auf Kabinettsebene beschlossen worden. Zur Finanzierung möchte man auf den Wirtschaftsstabilisierungsfonds aus der Coronazeit zurückgreifen, verbunden mit einer neuen Kreditermächtigung von 200 Mrd. Euro. Über die genaue Ausgestaltung der Erdgaspreisbremse dürfte in den nächsten Tagen mehr zu erfahren sein.

Von der Ausgestaltung der Energiepreisbremsen werde in einem hohen Ausmaß abhängen, wie die Konjunktur sich in Deutschland entwickeln werde. In dem Gemeinschaftsgutachten der führenden Wirtschaftsinstitute Deutschlands werde eine milde Rezession von -0,4% für das kommende Jahr vorhergesagt, gefolgt von einem Anstieg des BIP um 1,9% in 2023. Als besonderes Risiko werde hervorgehoben, dass es im Winter 2023/24 zu einer Gasmangellage und/oder bereits im Frühjahr 2023 zu einer derartigen Situation kommen könnte, wenn der anstehende Winter besonders kalt werde. Für die Weltwirtschaft seien die Institute auch relativ pessimistisch und würden im kommenden Jahr einen Zuwachs der globalen Wirtschaftsleistung von nur 1,8% erwarten, auch weil für die USA nur ein Wirtschaftswachstum von 0,6% veranschlagt werde.

Für die Stabilität des Finanzsektors sei die Meldung wichtig, dass die Bundesbank und die Bafin auf der Basis des jüngsten Stresstests davon ausgehen würden, dass der deutsche Bankensektor insgesamt gut gegenüber der erwarteten Rezession gewappnet sei. Eine neuerliche Bankenkrise werde weitestgehend ausgeschlossen. Die Kreditinstitute würden demnach über 151 Mrd. Euro an Eigenkapital über das hinaus verfügen, was die Regulierung mindestens verlange. Es gäbe nur eine niedrige zweistellige Zahl von Kreditinstituten, die im Fall einer tiefen Rezession zusätzliches Kapital benötigen würden.

Die stark steigenden Zinsen seien zwar in dem Stresstest nicht in dem aktuell realisierten Maße eingeflossen und sie hätten die Bewertung der Anleihebestände belastet, aber gleichzeitig würden die höheren Zinsen in den nächsten Jahren auch zu höheren Zinserträgen führen, womit sie wiederum stabilisierend wirken würden.

Datenseitig sei auf die Inflation der Eurozone für August zu achten. Bekannt sei bereits, dass in Spanien die Inflation zurückgegangen, in Belgien und in Deutschland hingegen deutlich gestiegen sei, und zwar auf 10,9% YoY (HVPI in Deutschland). Außerdem würden nächste Woche zahlreiche PMI-Einkaufsmanagerindices (für die Eurozone am 03.10. und 05.10.) und Ende nächster Woche natürlich den Arbeitsmarktbericht aus den USA (07.10.) veröffentlicht. (Ausgabe vom 29.09.2022) (30.09.2022/alc/a/a)