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Attraktives Wertpotenzial in Schwellenländeranleihen


24.09.13 17:20
ING Investment Management

Den Haag (www.anleihencheck.de) - Nachdem in diesem Jahr mehrere Mitarbeiter aus dem EMD-Team ausschieden, hat sich das Team neu aufgestellt, so die Experten von ING Investment Management (ING IM).

Mit über 20 Anlageexperten sei das Team jetzt komplett und von drei Standorten - Den Haag, Singapur und Atlanta - aus tätig. Jerry Brewin sei im September als neuer Leiter ins Team gekommen. Zuvor sei er bei Aviva Investors in London tätig gewesen, wo er seit 2001 das Amt des Head of EMD inne gehabt habe. In dieser Rolle sei er für alle EMD-Portfolien mit einem verwalteten Vermögen von insgesamt 5,2 Mrd. USD verantwortlich gewesen, die von vier Portfoliomanagern betreut worden seien.

Die Marktstimmung sei in den letzten Monaten recht düster gewesen. Mit Ankündigung des baldigen Ausstiegs aus der ultralockeren Geldpolitik und damit des Endes der umfangreichen Anleihekäufe habe FED-Präsident Bernanke anhaltende Turbulenzen in den Emerging Markets ausgelöst. Im Ergebnis seien die Renditen auf die Staatsanleihen der USA und anderer entwickelter Märkte wie Großbritannien und Deutschland gestiegen. Mit schrumpfendem Renditegefälle hätten die Anleger begonnen, ihr Kapital aus den Schwellenländern abzuziehen.

Die schlechten Nachrichten von den Emerging Markets hätten sogar noch zugenommen, als deren Makro-Daten enttäuscht hätten. Gleichzeitig hätten die Spannungen im Nahen Osten zugenommen, der Ölpreis sei gestiegen.

Doch im August hätten sich die Makro-Daten Chinas spürbar erholt. Zugleich hätten sich die Hinweise gemehrt, dass die Emerging Markets von einer gestiegenen Nachfrage der Industrieländer profitiert hätten. In der Folge habe sich die Marktstimmung stabilisiert. Entgegen den Markterwartungen sei das für diesen Monat angekündigte Tapering verschoben worden. Infolgedessen seien die Treasury-Renditen gesunken und die Stimmung an den EMD-Märkten habe sich aufgehellt.

Was wir derzeit in den EM erleben, ist das Ende eines klassischen globalen Finanzzyklus, so die Experten von ING IM. Auslöser sei die Erwartung gewesen, die FED werde demnächst die Zinsen anheben. Letztlich sei es die Aussicht auf ein höheres Nominalwachstum und damit bessere Renditen für DM-Assets, die die EM belaste. Diese Entwicklung werde dadurch noch verstärkt, dass mit dem Abzug ausländischen Kapitals Verzerrungen in den EM - wie hohes inländisches Kreditwachstum und sinkende Wettbewerbsfähigkeit - offengelegt worden seien.

Wirtschaftstheoretisch sollte dies eigentlich kein Problem für die Emerging Markts sein, solange der Wechselkurs flexibel bleibe. Das lasse sich anhand komplizierter Modelle sehr schön darstellen, sei aber im Kern recht simpel.

Werde Kapital von den EM abgezogen, dann sinke der Preis für EM-Assets, bis ein neues Gleichgewicht erreicht sei. Das sei der Fall, wenn die Portfolien internationaler Investoren völlig auf die neue Risiko-Ertrags-Konstellation ausgerichtet seien. Vor allem würden die Preise für risikoreiche EM-Werte fallen, die EM-Renditen würden steigen und die EM-Wechselkurse sinken, bis die Bewertungsuntergrenze erreicht sei. Halte der Preissturz zu lange an, belaste das die Bewertungen und die Nachfrage nach EM-Assets steige wieder.

Doch in der Praxis könne dieser Prozess völlig anders verlaufen, da Erwartungen sich nicht nur stabilisierend, sondern auch destabilisierend auswirken könnten. Dabei könnten sie die der Konjunktur und der Vermögenspreisbewertung zugrunde liegenden Rahmendaten im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung auf Dauer verändern.

In Zeiten des Kapitalzustroms würden steigende Wechselkurse tendenziell dazu führen, dass eine weitere Währungsaufwertung erwartet werde. Das liege vor allem daran, dass die Märkte sich in dieser Phase überschätzen würden. Würden sich allerdings die Anzeichen für eine geldpolitische Straffung im Ausland mehren oder seien die heimischen Ungleichgewichte nicht mehr zu übersehen, dann erfolge die Trendumkehr. Selbstüberschätzung werde zu Angst, und Unkenrufe sowie der erwartete Verfall der Währung würden eine Negativspirale auslösen.

Auf die aktuelle Situation übertragen, bedeute das, dass die EM-Volkswirtschaften derartig ins Schleudern geraten würden, dass die Bewertungsuntergrenze für EM-Assets nachgebe. Dann würden die Preise für EM-Assets in den freien Fall übergehen, weil die Anlegerschaft von einer Fortsetzung des negativen Trends überzeugt sei.

Man könnte argumentieren, dass die damit einhergehende angespannte Finanzlage am Binnenmarkt die heimische Nachfrage dämpfen würde, doch der schwächere Wechselkurs würde die Nettoexporte ankurbeln. Das möge sich - nach den in Phasen des Überschwangs häufig steigenden Leistungsbilanzdefiziten - sogar als Segen erweisen.

In der EM-Region hätten die Ungleichgewichte zwischen bestimmten Ländern erheblich zugenommen. Das gelte vor allem für Länder mit Leistungsbilanzdefiziten. Im Rahmen ihres Basisszenarios würden die Experten jedoch weiterhin davon ausgehen, dass die Turbulenzen in diesen Ländern das Wirtschaftswachstum nicht hemmen würden. Zum einen liege die Auslandsverschuldung im Verhältnis zum BIP in vielen dieser Länder weit unter den Niveaus der 1990er Jahre. Das lege nahe, dass eigendynamische Währungs- oder Laufzeitinkongruenzen in den heimischen Bilanzen jetzt sehr viel weniger wahrscheinlich seien.

Zum anderen sei die Leistungsfähigkeit der (Geld-)Politik in den vergangenen 15 Jahren erheblich gestiegen. Dank der gestiegenen Glaubwürdigkeit seien wahrscheinlich weniger drastische Zinsanhebungen vonnöten, um einen Währungsverfall zu stoppen. Hinzu komme, dass die "Kriegskassen" in Form von Devisenreserven in einigen Ländern nun sehr viel praller gefüllt seien, wenn auch Devisenmarktinterventionen ohne geldpolitische Absicherung fragwürdig seien.

Ferner würden die Experten davon ausgehen, dass das EM-Wachstum durch bessere Exportleistungen im Zuge des Wachstumsschubs an den entwickelten Märkten gestützt werde. Hinweise auf eine Stabilisierung der Wachstumsentwicklung könnten sich als Regulativ der oben skizzierten negativen Eigendynamik erweisen. Das gelte auch für die voraussichtliche Mäßigung beim Anstieg der Realzinsen in den DM, da die Zentralbanken der entwickelten Länder die Finanzbedingungen trotz des beschleunigten Wachstumstempos expansiv belassen wollten. Das sollte den Kapitalabfluss aus den EM lindern.

Die Stimmung an den EMD-Märkten sei jetzt ausgeglichener. Die Märkte hätten den Ausstieg aus dem QE-Programm der FED bereits eingepreist, und die Turbulenzen der vergangenen Monate hätten die Rückkehr zu angemessenen Bewertungen angestoßen. Nach Einschätzung der Experten seien die EMD-Spreads hinreichend gestiegen, um einen Puffer bei einem weiteren Anstieg der Renditen auf US Treasury zu bieten.

Insofern sei ein Blick auf die von den Experten erstellten Matrizes interessant, die die voraussichtlichen Gesamtrenditen auf EMD-Staatsanleihen in Hartwährung bei unterschiedlichen Spread- und Treasury-Rendite-Niveaus zeigen würden. Aus den Tabellen gehe hervor, dass im Rahmen des Basisszenarios der Experten in den meisten Fällen mit leicht positiven Erträgen zu rechnen sei, selbst bei höheren US-Treasury-Renditen. Anders ausgedrückt: Die Experten würden keinen weiteren Kurssturz bei EMD Hard Currency erwarten.

Die gesamte Diskussion über das Wann und Wie des QE-Ausstiegs habe sich erheblich auf die Marktstimmung ausgewirkt. Insofern hätten die Märkte überrascht reagiert, als die FED am 18. September verkündet habe, ihre Anleihekäufe vorerst fortzusetzen. Der Offenmarktausschuss (Federal Open Market Committee, FOMC) habe beschlossen, erst noch abzuwarten, bis sich die Anzeichen für einen soliden Aufschwung mehren würden, bevor die FED ihre Anleihekäufe zurückfahre. Die jüngsten Konjunkturdaten würden überwiegend für eine Erholung der US-Wirtschaft sprechen, wenn auch die aktuellen Arbeitsmarktdaten etwas nachgegeben hätten.

Daneben würden nach dem Dafürhalten der Experten auch Gründe wie die erneute Haushaltsdiskussion und die in den kommenden Wochen anstehenden Verhandlungen um die Schuldengrenze eine Rolle bei der Verschiebung spielen. Vor allem 2011 hätten die schleppenden Verhandlungen zu einem Rückgang der Zuversicht bei Verbrauchern und Unternehmen sowie einer Eintrübung der Marktstimmung geführt.

Ein weiterer Grund sei natürlich, dass ein zu starker Anstieg der Treasury-Renditen für einen weiteren Aufschwung in den USA durchaus nicht günstig wäre. Die Turbulenzen an den Emerging Markets - sozusagen als Nebenwirkung der steigenden Treasury-Renditen - seien selbstverständlich nicht beabsichtigt gewesen. Daher möge die FED etwas zurückhaltender vorgehen.

Ein genauerer Blick auf die anderen EMD-Unterformen zeige, dass sich auf kurze Sicht die größten Risiken auf EM FX und Unternehmensanleihen konzentrieren würden.

Der Abwärtsdruck auf die Schwellenländerwährungen halte an, denn Wirtschaftswachstum sowie - vor allem in den USA - Zinsen würden in den entwickelten Ländern weiter zulegen. Der Abfluss ausländischen Kapitals schwäche die EM-Währungen. Im Gegenzug würden die Zentralbanken die Zinsen erhöhen, um ihre Währungen vor dem Verfall zu schützen und frisches Kapital ins Land zu holen. Auf kurze Sicht sei das wegen der restriktiveren Finanzierungsbedingungen für die heimische Wirtschaft ungünstig. Betroffen seien davon insbesondere EM-Aktien und -Unternehmensanleihen.

Was EM-Unternehmensanleihen betreffe, würden die Experten aus der Vergangenheit wissen, dass manche Unternehmen ihr Devisenrisiko nicht ausreichend absichern würden. Bei einer deutlichen Abwertung von EM-Währungen könnten diese Unternehmen in ernste Schwierigkeiten geraten. Wenn auch viele Unternehmen aus der Vergangenheit gelernt hätten, so möge es immer noch ein paar Unverbesserliche geben. Hinzu komme, dass der Emissionskalender für September und auch Oktober prall gefüllt sei.

Wenn wir uns EM-Lokalwährungsanleihen einmal genauer anschauen, so lässt sich feststellen, dass der Rückgang bei Kapitalströmen und Benchmark-Performance bereits erheblicher ist als beim letzten großen Markteinbruch 2008, so die Experten von ING IM. Auch wenn es sich hier weitenteils um Neuland handle, würden die Experten meinen, dass die Entwicklung der Kapitalflüsse und der Benchmark bereits das Erreichen der Talsohle signalisiere. Insofern könnte es zur Trendwende kommen. Da die Performance von EM-Lokalwährungsanleihen stark von den Markterwartungen an die FED-Politik abhänge, müssten sich die US-Anleiherenditen erst noch stabilisieren, bevor die Experten EM-Lokalwährungsanleihen optimistischer einschätzen würden.

Die Experten hätten haben ihre EMD-Portfolien so aufgestellt, dass sie weitgehend vor Abwärtsrisiken geschützt seien. Bei Unternehmensanleihen hätten die Experten eine gründliche Risikoanalyse im Zusammenhang mit dem Währungsmanagement vorgenommen. Im Anschluss hätten sie einige Bestände abgestoßen. In den kommenden Monaten würden sie sich - bei voraussichtlich attraktiven Bewertungsniveaus - bei Neuemissionen eindecken.

Auf keinen Fall dürfe man die Emerging Markets bei der Titelauswahl über einen Kamm scheren - das EMD-Universum sei äußerst vielfältig. Einige Länder würden empfindlicher auf die Gefahr eines abrupten Endes der Kapitalzuflüsse reagieren. So seien erhebliche Leistungsbilanzdefizite - was hohe Auslandsverschuldung bedeute - mit der realen Gefahr einer Kreditklemme verbunden, falls der Kapitalzustrom versiege.

Weitere Risikofaktoren seien hohe kurzfristige Auslandsschulden im Verhältnis zu den verfügbaren Reservebeständen eines Landes, rapides Kreditwachstum in der jüngeren Vergangenheit sowie eine offenere Volkswirtschaft, aus der Kapital ungehindert abfließen könne. Hier erscheine die Türkei als sehr exponiert, es seien aber auch Südafrika, Brasilien und die Ukraine genannt. Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen, hohen Fremdwährungsreserven und geschlossenen Kapitalkonten seien dagegen am wenigsten gefährdet. Das seien beispielsweise China, Russland und Ungarn.

Bei der Jagd nach Rendite, die die Finanzmärkte der letzten paar Jahre geprägt habe, habe nahezu jedes Finanzinstrument als attraktiv gegolten, das einen über dem risikofreien Zinssatz hinausgehenden Renditevorteil versprochen habe. Daher sei der massive Liquiditätszufluss infolge der beispiellosen Politik der Zentralbanken für fast alle EMD-Assets günstig gewesen.

Da die Märkte nun begonnen hätten, eine weniger üppige Liquiditätsversorgung durch die Zentralbanken einzupreisen (jedenfalls was die FED betreffe - die Bank of Japan halte vorerst an ihrer expansiven Geldpolitik fest), müssten Anleger stärker zwischen Ländern, Unternehmen und Schuldtiteln differenzieren und sich erneut auf Rahmendaten und relativen Wert besinnen. Das biete aktiven Managern Chancen zur Schaffung von Alpha und Mehrwert für die Portfolien ihrer Kunden.

Und schließlich möchten die Experten auch noch darauf hinweisen, dass sie sich einem attraktiven Einstiegspunkt für langfristig orientierte Investoren nähern würden. Viele dieser Investoren seien strukturell bei EMD untergewichtet. EMD sei immer noch eine im Vergleich zu Staats- oder Unternehmensanleihen von den entwickelten Märkten kleine Assetklasse. Infolge der starken Zuflüsse und guten Wertentwicklung der vergangenen Jahre seien die Bewertungen jetzt recht hoch. Doch nun zeichne sich ein attraktiver Einstiegspunkt ab.

Institutionelle Investoren würden sich angesichts der demografischen Entwicklung in Zukunft stärker im Fixed-Income-Segment engagieren müssen. In einer alternden Gesellschaft seien Anleger stärker auf Anlageformen angewiesen, die ein stetiges Einkommen abwerfen würden. Das zeige sich auch am steigenden Interesse globaler Pensionsfonds an EMD als attraktivster Assetklasse im High-Yield-Universum. (24.09.2013/alc/a/a)