Erweiterte Funktionen

Attraktive Einstiegschancen bei EUR-Unternehmensanleihen


17.06.20 10:45
BANTLEON AG

Hannover (www.anleihencheck.de) - Für Unternehmensanleihen verlief das Jahr bislang zweigeteilt, so Ercan Demircan, Portfolio Manager und Analyst Unternehmensanleihen bei der BANTLEON AG.

Zunächst habe die Coronavirus-Pandemie im März eine Ausweitung der Risikoprämien ausgelöst, auf die eine Erholung gefolgt sei.

In diesem Zuge hätten sich europäische Unternehmensanleihen und Nachranganleihen von Industrieunternehmen der Bonität Investment Grade seit Jahresanfang mit durchschnittlich -1,4% und-3,6% relativ gut entwickelt. High-Yield-Anleihen hätten demgegenüber einen Verlust von 5,8% erlitten. Dennoch hätten die von den europäischen Regierungen und der EZB beschlossenen Maßnahmen sowie die sich wieder aufhellende Konjunktur jüngst die Nachfrage nach risikoreicheren Anlagen wieder steigern können. In den nächsten Monaten dürften die Risikoprämien europäischer EUR-Unternehmensanleihen der Bonität Investment Grade in Richtung der Vorkrisenniveaus sinken. Die Aussicht auf Kursgewinne biete attraktive Einstiegschancen in den Markt für Unternehmensanleihen - zusätzlich zu den immer noch relativ hohen Coupons.

Europäische Unternehmensanleihen und Nachranganleihen von Industrieunternehmen der Bonität Investment Grade hätten sich seit Jahresanfang mit -1,4% und -3,6% deutlich besser entwickelt als High-Yield-Anleihen (-5,8%). Innerhalb des Investment-Grade-Segments sei der Gesamtertrag von Anleihen von Finanzunternehmen höher als der von Nicht-Finanzunternehmen, was auf die längere Duration des Non-Financial-Index zurückzuführen sei. Bei einer durationsadjustierten Betrachtung würden sich beide Segmente auf nahezu gleichem Niveau befinden. Technisch bedingte Faktoren, wie gestiegene Volumina am Primärmarkt für Non-Financials und hohe Mittelabflüsse in Höhe von über 6 Mrd. EUR aus dem Segment im März, hätten den Gesamtmarkt zusätzlich belastet.

Nachdem die EZB und die europäischen Regierungen geld- und fiskalpolitische Maßnahmen zur Stützung der wirtschaftlichen Aktivität in der Eurozone auf den Weg gebracht hätten, sei ein zurückkehrender Risikoappetit der Marktteilnehmer zu beobachten gewesen. Unterstützt durch die sich wieder aufhellende Konjunktur seien EUR-Unternehmensanleihen der Bonität Investment Grade von Jahresanfang bis Anfang Juni netto fast 4,8 Mrd. Euro zugeflossen. Davon seien circa 1,7 Mrd. Euro auf ETFs entfallen.

Dabei habe die Erholung der Risikoprämien nicht nur auf die Nachfrage-, sondern auch auf die Angebotsseite ausgestrahlt: Der Marktwert seit Jahresanfang neu begebener EUR-Unternehmensanleihen habe Anfang Juni bereits bei etwa 250 Mrd. Euro gelegen, während im gesamten Vorjahr Anleihen im Volumen von 374 Mrd. Euro emittiert worden seien. Insbesondere Unternehmen aus dem Öl- und Gas-Sektor hätten während der Coronavirus-Krise ihre Liquiditätspolster überdurchschnittlich aufgestockt. Zumeist würden große Primärmarktvolumina in sehr kurzen Zeiträumen emittiert, was zu kurzfristigen Ausweitungen der Risikoprämien führen könne. Für das Jahr 2020 würden die Experten erwarten, dass das Volumen aus 2019 mit 450 Mrd. Euro deutlich übertroffen werde. Nach Abzug der auslaufenden beziehungsweise von Emittenten voraussichtlich zurückgekauften Unternehmensanleihen im Volumen von 170 Mrd. Euro werde der Marktwert aller ausstehenden EUR-Unternehmensanleihen dieses Jahr um etwa 280 Mrd. Euro wachsen. Dabei sollten die Käufe der EZB am Primär- und Sekundärmarkt sowie die erwartungsgemäß weiterhin hohen Mittelzuflüsse in Unternehmensanleihen das erhöhte Angebot mühelos absorbieren.

Beleuchte man den Primärmarkt während der Coronavirus-Krise genauer, würden folgende Aspekte in den Vordergrund treten: Die Volumina neu emittierter Anleihen seien in den Monaten März, April und Mai gegenüber dem Vorjahr um mehr als das Doppelte gestiegen. Diejenigen Unternehmen, die sich in der Hochphase der Krise am Kapitalmarkt refinanziert hätten, hätten aufgrund des Risk-off-Modus höhere Neuemissionsprämien als gewöhnlich zahlen müssen. Mit einer geschickten Auswahl der Primärmarktanleihen hätten Fondsmanager in dieser Phase aufgrund hoher Neuemissionsprämien einen signifikanten Mehrertrag erwirtschaften können. Bemerkenswert sei, dass die Risikoaufschläge ausgewählter Anleihen im Zeitraum Ende März bis Mitte April eine Woche nach ihrer Emission um durchschnittlich 55 Basispunkte gesunken seien. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sich die Marktteilnehmer nach der Platzierung die Neuemission gekauft hätten, die günstiger gewesen sei als die bereits am Markt befindlichen Anleihen des jeweiligen Emittenten (Sekundärmarkt).

Diese Beispiele würden zeigen, dass das Einengungspotenzial kurz nach der Platzierung bei hohen Neuemissionsprämien am Primärmarkt auch in Krisenphasen durchaus vorhanden sei. Es hänge allerdings sehr stark von den Emittenten und vom Marktumfeld ab. Im europäischen Anleihenmarkt sei die erhöhte Nachfrage zudem an den starken Überzeichnungen einzelner Anleihen am Primärmarkt zu erkennen gewesen, die bis zu fast 12-mal so hoch gewesen seien wie das Emissionsvolumen. Wegen der zurückkehrenden starken Nachfrage seien die Risikoprämien europäischer Unternehmensanleihen trotz der hohen Neuemissionsaktivität seit den Krisenhöchstständen durchschnittlich um etwa 100 Basispunkte gesunken.

In den nächsten Monaten dürften sich die Risikoprämien europäischer EUR-Unternehmensanleihen der Bonität Investment Grade in Richtung ihrer Tiefstände bewegen, die sie vor der Coronavirus-Pandemie erreicht hätten. Dafür würden die sich aufhellende Konjunktur, positive technische Faktoren, wie das anhaltende Niedrigzinsumfeld, positive Impulse der Fiskal- und Geldpolitik sowie die hohe Nachfrage nach Unternehmensanleihen sprechen. (17.06.2020/alc/a/a)