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Anleihen aus den Wachstumsländern im Fokus


23.03.12 11:50
Allianz Global Investors

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Asienkrise, Tequila-Krise, Russlandkrise - es scheint nicht allzu lange her zu sein, dass die Schwellenländer zu den ständigen Sorgenkindern der Kapitalmärkte gehörten, so die Experten von Allianz Global Investors.

Auffällig aber: Sie hätten nicht nur die Finanzmarktkrise 2008 und die jüngste EU-Schuldenkrise schneller und besser überstanden als die Industriestaaten. Sie hätten sogar ihre Bonitäten über diese schwierige Zeit halten oder leicht verbessern können. Tatsächlich habe sich bei den aufstrebenden Staaten so einiges geändert. Der Finanzmarktkrise 2008 hätten sich auch die aufstrebenden Staaten ("Emerging Markets") nicht entziehen können, wie die dortigen Wachstumsraten zeigen würden. Betroffen seien sie aber erst über die zweite Welle gewesen - die realwirtschaftlichen Folgen.

Der Krisenauslöser, die faulen US-Hypothekenkredite, seien an ihnen fast vollständig vorbeigegangen. Von den weltweiten Abschreibungen in Höhe von knapp 2.000 Milliarden US-Dollar seien lediglich 3% auf asiatische Finanzinstitute entfallen. - Warum sollten Anleger dieser Ländergruppe auch in Hypothekenanleihen aus Übersee investieren? Sie hätten ja renditeträchtigere Anlagemöglichkeiten zuhauf. - Was also habe sich während der letzten Jahrzehnte alles geändert? Und: Welche Schlüsse würden sich daraus für die Zukunft ziehen lassen?

Tatsächlich scheinen sich die Schwellenländer zu den Wachstumslokomotiven der Welt entwickelt zu haben, so die Experten von Allianz Global Investors. Die Volkswirte von Allianz Economic Research würden für die nächsten zehn Jahre ein durchschnittliches jährliches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von ca. 1,5% für Deutschland und 1,6% für Europa prognostizieren, für die USA könnten es 2,3% werden. Beispielsweise für China hingegen würden die Volkswirte ein durchschnittliches Wachstum von 7,8% sehen. Für Indien würden ca. 7,5% erwartet, für Indonesien ca. 5,1%, für Brasilien und Malaysia knapp 5%.

Was auf den ersten Blick als überraschend viel erscheine, habe eine ganz "natürliche" Begründung: Die ökonomische Teilung der Welt sei aufgehoben worden und die Welt sei ökonomisch betrachtet ein einziger Marktplatz geworden, auf dem Wettbewerb vorherrschend sei. Seitdem würden sich diese aufstrebenden Staaten in einem wirtschaftlichen Aufholprozess befinden, ähnlich wie ihn die heutigen Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hätten.

Aber nicht nur das. In aller Regel würden sich bei ihnen drei Megatrends bündeln, die für einen zusätzlichen Wachstumsschub sorgen würden. Dazu würden neben der bereits beschriebenen Globalisierung die demografische Entwicklung und immer knapper werdende Rohstoffe gehören.

Die Globalisierung, verstanden als Wachstums- und Aufholprozess, bündle sich mit einer für die meisten Schwellenländer günstigen demografischen Entwicklung. Während nämlich das "alte" Europa und Japan bis zum Jahr 2050 immer älter würden und an Bevölkerung verlieren würden, wachse die Weltbevölkerung überall sonst weiter. Steigender Wohlstand und steigende Bevölkerungszahlen würden sich dann in einer steigenden Rohstoffnachfrage treffen, von der ebenfalls viele der Schwellenländer profitieren würden.

Hätten die Schwellenländer seit Langem den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung gestellt (ca. 80%), so seien sie während der letzten Jahrzehnte auch ökonomisch immer bedeutender worden. Gemessen an der weltweiten Wertschöpfung hätten sie schon jetzt einen Anteil von knapp 40%. Würden dabei die Kaufkraftunterschiede mit berücksichtigt, wären es bereits heute ca. 50%. Auch der Anteil am globalen Energieverbrauch sei mittlerweile in dieser Kategorie angekommen.

Der Wachstumsprozess werde dabei von einer regen Exporttätigkeit getragen. Dadurch habe sich diese Ländergruppe vom Kapitalnehmer zum Kapitalgeber entwickelt. Hätten die aufstrebenden Staaten noch Mitte der 1990er Jahre über lediglich rund 30% der weltweiten Devisenreserven verfügt, so seien es mittlerweile knapp 70%. Spiegelbildlich seien die Anteile an den Devisenreserven der Industriestaaten zurückgegangen. Damit habe aber eine der Hauptkrisenursachen an Bedeutung verloren. Denn genau die Leistungsbilanzdefizite, welche mit einer zu geringen Deckung an Devisenreserven einhergegangen seien, seien es ja gewesen, die die Schwellenländer so anfällig für Krisen gemacht hätten. Heute hätten sich die Leistungsbilanzdefizite in Überschüsse verkehrt und die Devisenreserven seien infolge angeschwollen.

Auch hätten die Schwellenländer ihre Staatsschulden abbauen können. Während die Staatsschulden bei den Industriestaaten nach Berechnungen des IWF von Mitte der 1970er Jahre von 40% des Bruttoinlandsproduktes in Richtung 110% angeschwollen seien, sei es den Schwellenländern gelungen, ihre Staatsverschuldung auf unter 40% ihres Bruttoinlandsproduktes abzubauen. Tendenz weiter fallend. Sie seien also knapp unter der Marke angekommen, wo sich die Industriestaaten seit den 1950er Jahren im günstigsten Fall befunden hätten.

Aktive Leistungsbilanzen, hohe Devisenreserven, verbesserte Schuldenrelationen auf der fiskalischen Seite - die strukturellen Verbesserungen, seien wohl kaum eine Eintagsfliege, sondern würden von den genannten Megatrends gestützt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Schwellenländer trotz Finanzmarktkrise und EU-Schuldenkrise kaum Ratingverschlechterungen verzeichnet hätten, teilweise sei es sogar zu Verbesserungen gekommen. In der Gesamtbetrachtung seien die Schwellenländer zu Wachstumsländern geworden.

Auffällig sei, dass diese neuen Wachstumsländer an den Kapitalmärkten anscheinend trotzdem nur die zweite Geige spielen würden. Obwohl sie an der globalen Wertschöpfung einen Anteil von knapp 49% (kaufkraftadjustiert) hätten, würden sie bei der Marktkapitalisierung von Aktien nur auf einen Anteil von ca. 13% kommen, bei Anleihen seien es sogar nur knapp 4,5%. Demnach könne es unter Allokationsaspekten sinnvoll erscheinen, sich statt nach der Marktkapitalisierung besser an dem Anteil nach dem Bruttoinlandsprodukt zu richten.

Die aufstrebenden Staaten würden in der Regel von den drei Megatrends profitieren: Globalisierung, Demografie und knappe Ressourcen. Der damit verbundene Wachstums- und Aufholprozess habe zu strukturellen Verbesserungen dieser Volkswirtschaften geführt. Das lasse die früheren Krisen vergessen. Insgesamt hätten sich die Schwellenländer von Schuldnerstaaten zu den Finanziers der Welt entwickelt. Dieser positive, strukturelle Wandel mache sie zu "Wachstumsländern", was aber an den Kapitalmärkten noch nicht vollständig angekommen zu sein scheine: Immer noch würden Renditezuschläge auf Anleihen aufstrebender Staaten gezahlt, im Gegensatz zu Industriestaatenanleihen. (Ausgabe März 2012) (23.03.2012/alc/a/a)