Anleihen: Zwischen Hoffen und Bangen


10.08.12 16:36
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach vielen hektischen Wochen scheint den Akteuren aus Politik und Wirtschaft endlich etwas Erholung vergönnt zu sein, so die Deutsche Börse AG.

"Die Skepsis ist weiterhin im Markt vorhanden, weicht aber allmählich der Erwartung, dass Spanien und Italien über kurz oder lang einen Hilfsantrag beim EFSF stellen und somit die Voraussetzungen für Staatsanleiheankäufe durch die EZB schaffen werden", fasse die HSH Nordbank zusammen.

Auch laut Arthur Brunner von ICF Kursmakler bestimme nach wie vor die Hoffnung auf Eingreifen der EZB das Geschehen an den Märkten. "Zudem setzen die Anleger auch in der Eurozone auf eine positive Wende in der Konjunkturentwicklung." Die Frage, wer am Ende die Zeche zahlen müsse, zähle im Moment nicht. Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft bleibe kritisch. "Wir beobachten zunehmend eine Kapitalflucht aus der Eurozone heraus, die Nachfrage nach Fremdwährungsanleihen ist sehr hoch."

Der Euro-Bund-Future präsentiere sich am heutigen Freitag mit 143,41 Punkten gegenüber dem Vorwochenschluss von 142,84 etwa fester, vom historischen Hoch bei 146,89 Anfang Juni bleibe er aber noch ein Stück weit entfernt. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen liege aktuell bei 1,373 Prozent.

Sowohl für italienische als auch spanische Langläufer seien die Zinsen unverändert hoch, im Kurzfristsegment habe sich die in der vergangenen Woche begonnene Erholung nicht fortgesetzt. "Der Renditeabstand zu Bundesanleihen im zehnjährigen Bereich ist mit 449 Basispunkten für Italien und 540 für Spanien immer noch so groß, dass diese Länder sich zunehmend in den kürzeren Laufzeiten verschulden werden", mutmaße Brunner. Dadurch würden sie aber zukünftig noch abhängiger von der EZB und den Märkten.

Am Mittwoch habe die Deutsche Finanzagentur das Volumen der zehnjährigen Bundesanleihe mit Fälligkeit im Juli 2022 problemlos um 4 Milliarden Euro aufgestockt, wie die Hellwig Wertpapierhandelsbank melde. "In diesem Zusammenhang hilft sicherlich, dass die Schweizer Notenbank zur Schwächung des Franken und Verteidigung der Währungsgrenze weiterhin Euro kauft und dieses Geld vorrangig in Bundesanleihen investiert." In der kommenden Woche bleibe der Emissionskalender für die Euroländer im Übrigen leer.

Im Bereich der Corporate Bonds sei es bereits in der vergangenen Woche für die Singulus-Anleihe deutlich nach unten gegangen. "Am Freitagmorgen lag der Kurs noch bei 85, jetzt sind es 72 Prozent", erkläre Rainer Petz von Close Brothers Seydler. Der fränkische Spezialmaschinenbauer habe vor gut einer Woche mitgeteilt, dass sowohl der Verkauf von Maschinen zur Produktion von Blu-ray-Discs als auch von Solaranlagen hinter den Erwartungen zurückbleibe.

Nur leicht schwächer hätten sich hingegen Air Berlin-Anleihen nach der Bekanntgabe eines erneuten Verlustes im zweiten Quartal gezeigt. "Die Anleihen wurden aber nicht mehr so stark abgestraft wie in der Vergangenheit", bemerke Petz. Etwa habe das bis 2018 laufende Papier (ISIN DE000AB100B4 / WKN AB100B) nur einige Prozentpunkte nachgegeben. Im Mai sei der Kurs auf 73,50 Prozent gefallen, heute liege er bei 91 Prozent.

Bei Anleihen aus Krisenländern würden manche Anleger offenbar Frühlingsluft schnuppern. "Um Papiere von Firmen wie der spanischen Repsol oder auch der griechischen Coca-Cola Tochter rissen sich die Anleger förmlich", erkläre Brunner. Wie Hellwig berichte, sei der Preis in der bis 2013 laufenden Anleihe (ISIN XS0173549659 / WKN 970681) des griechischen Telekommunikationsunternehmens OTE von etwa 81,5 auf in der Spitze bis 88,5 Prozent gestiegen. "Aktuell liegt er bei 87 zu 88 Prozent."

Sehr gute Umsätze habe es auch in der 2019 auslaufenden nachrangigen Commerzbank-Anleihe gegeben. "Der Preis zog nach den gestrigen Nachrichten von der Bank leicht an in Richtung 92,5, konnte dieses Niveau aber nicht halten und handelt aktuell bei 91,75 zu 92 Prozent."

Fremdwährungsanleihen würden unterdessen mehr und mehr Zuspruch finden. "Die unverändert vorhandene Unsicherheit an den Kapitalmärkten lässt viele Investoren weiterhin Ausschau nach Alternativen zum Euro halten", kommentiere Klaus Stopp von der Baader Bank. Die Hellwig Wertpapierhandelsbank melde eine gute Nachfrage nach Fremdwährungsanleihen in Australischen Dollar und Norwegischen Kronen, "auch wenn beide Währungen gegenüber dem Euro in den letzten sechs Wochen stramm angezogen haben."

Gregor Daniel zitiere einen Experten der Allianz-Tochter Pimco, dem zufolge mittlerweile nicht mehr nur die Peripherie, sondern die ganze Eurozone von der Kapitalflucht betroffen sei. Zudem verweise er auf das Beispiel Royal Dutch Shell: "Das Unternehmen hat angekündigt, Liquiditätsreserven im Wert von umgerechnet 15 Milliarden US-Dollar aus der Eurozone abzuziehen."

Der Händler melde eine sehr lebhafte Nachfrage nach Anleihen, die auf Australische Dollar, Türkische Lira oder Südafrikanischen Rand lauten würden. Als Beispiele nenne er ein bis 2015 laufendes VW- (ISIN XS0646459197 / WKN A0VRFC) sowie ein bis 2013 laufendes BMW-Papier in der Down Under-Währung und eine auf Norwegische Kronen lautende BMW-Anleihe (ISIN XS0730005567 / WKN A1GY33) mit Laufzeit bis 2015. "Die VW-Anleihe ist sogar im Moment ausverkauft."

Nichts los sei unterdessen am Primärmarkt für Unternehmensanleihen. "Dies ist einerseits auf die Unsicherheit an den Märkten zurückzuführen, andererseits auf das urlaubsbedingte Sommerloch am Kapitalmarkt", erläutere Stopp. Viele Unternehmen hätten sich zudem bereits in der ersten Jahreshälfte Kapital besorgt. Allerdings könne es durch die Abkoppelung vieler Unternehmen von ihren Hausbanken noch eine über den Erwartungen liegende Emissionstätigkeit geben. "Somit könnte es sich also auch um die Ruhe vor dem Sturm handeln. Denn Corporate Bonds gelten weiterhin als Anlegers Liebling." (10.08.2012/alc/a/a)






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