Erweiterte Funktionen

Anleger müssen sich auf eine Japanisierung der Industrieländer einstellen


09.10.19 10:30
SYZ Asset Management

Genf (www.anleihencheck.de) - Im Juli gab es einen Vorgeschmack auf die künftige Entwicklung an den Finanzmärkten: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel erstmals unter den Einlagensatz der Europäischen Zentralbank, so Luc Filip, Head of Investments bei Bank SYZ.

Das Gespenst der Japanisierung habe Europa erreicht und zwinge Anleger zum Umdenken. Wer in diesem Umfeld erfolgreich sein möchte, müsse auf flexible Lösungen setzen, die frei von Anlagebeschränkungen seien.

Stagnierendes Wachstum, schwache Inflation - die Parallelen zwischen Japan und der gegenwärtigen Situation in Europa seien nicht zu übersehen. Nur scheine sich Japan nun aus dem deflationären Treibsand befreien zu können, während sich die Aussichten für die Eurozone weiter verschlechtern würden.

Der US-Wirtschaft könnte es indes kaum besser gehen. Denn die US-Notenbank habe die Zinsen im vergangenen Juli erstmals seit einem Jahrzehnt gesenkt. Angesichts der Handelsspannungen und der Zweifel an der Robustheit der Weltwirtschaft bleibe es jedoch fraglich, wie lange die Expansion in den USA noch anhalten werde. Nicht nur Europa, sondern die gesamte entwickelte Welt könnten in eine wirtschaftliche Schwächephase abgleiten.

Bevor Japan für Jahrzehnte in die Stagnation gestürzt sei, habe dort eine Phase der Euphorie geherrscht. Im Dezember 1989 habe der japanische Aktienindex Nikkei 225 fast die Marke von 39.000 Punkten erreicht.

Spekulative Exzesse hätten die Vermögenspreise in schwindelerregende Höhen getrieben. Auf dem Höhepunkt der Immobilienblase sei der Kaiserpalast mehr wert als alle Immobilien in Frankreich zusammen gewesen. Hätte man im Ginza-Viertel in Tokio eine 10.000-Yen-Note fallen lassen, so wäre diese nach damaliger Auffassung weniger wert gewesen als der Boden, auf dem sie gelandet sei. 1990 habe die Party jedoch geendet: Die Finanzblase sei geplatzt, die Aktien- und Immobilienpreise seien eingebrochen und der Markt habe bis zum Jahresende 2 Billionen US-Dollar an Wert verloren. Japan sei in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzt.

Japanisierung sei nicht nur ein Begriff aus dem Wirtschaftslexikon. Sie habe massive Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Jahrzehnte der wirtschaftlichen Stagnation würden tiefe psychologische Wunden hinterlassen - und die Erfahrungen der Vergangenheit würden die Erwartungen an die Zukunft beeinflussen. Nach dem Crash habe man in Japan stets eher mit einer Verschlechterung als mit einer Verbesserung gerechnet. Der fehlende Optimismus habe dazu geführt, dass das Finanzsystem ausgetrocknet sei: Die Banken hätten keine Kredite mehr vergeben und die Verbraucher hätten sich mit Ausgaben zurückgehalten.

Auch für Anleger habe die Japanisierung schwerwiegende Folgen: Niedrige Zinsen seien nun nicht mehr die Ausnahme, sondern die neue Normalität, mit der sich Investoren abfinden müssten. In Japan hätten die langanhaltenden Niedrigzinsen katastrophale Folgen für die Anleihenmärkte gehabt. Die Anleiherenditen seien auf einem dauerhaft niedrigen Niveau eingefroren worden - und Japan sei zur Falle für Rentenbären geworden.

Unsere Investment-Teams vertreten eine andere Meinung als die Ökonomen und Anleger, die in den Industrieländern mit einem Bärenmarkt rechnen, so die Experten von SYZ Asset Management. SYZ gehe davon aus, dass eine Japanisierung stattfinde und die Zinsen weiterhin niedrig bleiben würden.

Im aktuellen Umfeld, in dem eine unerwartete Zinserhöhung die größte Angst schüre, sei der erste Instinkt bei Anlegern häufig, die Duration zu verkürzen, um die Auswirkungen auf ihre Portfolios zu minimieren. Das würden die Experten anders sehen. Ihrer Meinung nach könne eine längere Duration Wert bieten und eingesetzt werden, um das Risiko im Portfolio zu steuern.

In der Welt der Staatsanleihen sei die Japanisierung größtenteils bereits eingetreten. In einem solchen Umfeld würden die Opportunitätskosten, die mit Barpositionen im Portfolio verbunden seien, sehr hoch bleiben. Denn: Die Zentralbanken würden an einer akkommodierenden Politik festhalten, um das Wachstum anzukurbeln. Wer angesichts dieses Ausblicks langfristige Anleihen halte, könne mit Gewinnen rechnen.

Die Erfahrungen in Japan würden belegen: Anleger, die sich aufgrund von niedrigen langfristigen Renditen für Barmittel entscheiden würden, würden über längere Zeiträume schlecht wegkommen. In den 15 Jahren bis Ende 2016 habe sich die Rendite von JPY-Barmitteln im Schnitt auf 0,24% gegenüber 0,92% bei 7- bis 10-jährigen japanischen Staatsanleihen (JGB) belaufen. Das Plus für langfristige Anleihen sei auf den ersten Blick relativ klein. Betrachte man jedoch die annualisierten Gesamtrenditen, ergebe sich ein anderes Bild. Der Unterschied sei hier deutlich höher und betrage annualisierte 2,44% bei 7- bis 10-jährigen JGB gegenüber lediglich 0,34% bei Barmitteln.

Der Schwenk der US-Notenbank und der EZB hin zu einer lockeren Geldpolitik werde den künftigen Kurs bestimmen und sich stark auf die Finanzmärkte auswirken. Dies werde die Marktteilnehmer zwingen, weiterhin Risikoanlagen zu halten oder aufzustocken, um die monetären Kräfte der finanziellen Repression zu vermeiden. Bei künstlich niedrigen Zinsen sollte die Aktienallokation daher je nach Wachstumstrend taktisch gesteuert werden, denn die Bewertungen würden in dieser Situation an Bedeutung verlieren. Die erhöhte Risikobereitschaft könne jedoch auch über Anleihen mit Renditeaufschlag umgesetzt werden, beispielsweise über hochverzinsliche Unternehmensanleihen und Schwellenländeranleihen in Fremdwährung.

Anleger sollten auch eine Investition in Qualitätsaktien in Erwägung ziehen, die hohe Dividenden auszahlen würden. Bei ihnen dürfte die Gefahr geringer sein, dass sie aufgrund von Zinsschritten vorübergehend neubewertet würden. Außerdem würden sie im Niedrigzinsumfeld eine reale mittel- bis langfristige Alternative zu Anleihen bieten.

Die Japanisierung sei in vielerlei Hinsicht bereits Realität. Im gegenwärtigen Umfeld schwachen Wachstums, niedriger Zinsen und ungünstiger Bevölkerungsentwicklung müssten Anleger umdenken. Sie müssten die Lehren aus der Vergangenheit ziehen und sollten auf flexible Lösungen setzen, die frei von Anlagebeschränkungen seien und die man an das sich ändernde Anlageumfeld anpassen könne. (09.10.2019/alc/a/a)